Tag 152 -verzichten üben

Guten Morgen, liebe Welt,

Samstagmorgen, 7 Uhr und ich turne schon durchs Haus. Na gut, nein, ich hocke im Schlafanzug mit einem riesigen Pott Kaffee vor dem Laptop… Ich bin gestern Abend gegen 21 Uhr ins Bett gekrabbelt und doch, ich wollte noch einen Film schauen, aber dann hat mich der Schlaf übermannt. Ich liebe schlafen, aber irgendwann muss ja mal gut sein. Seit Wochen, ja Monaten, vergrabe ich mich wie ein Murmeltier in meiner Wohnung und in menem Bett wie in einer Höhle und komme vor Erschöpfung nicht in die Gänge. Nun schüre ich Hoffnung, dass meine Energie zurück kommt.

Seit drei Tagen verzichte ich auf Zucker. Erstmal „nur“ in Form von Süßigkeiten und Nahrungsmitteln, die klar als extrem zuckerhaltig deklariert sind. Mein Ziel ist aber, auch die Stärke aus Brot und den Fruchtzucker vom Obst wegzulassen. Käse, Quark, Fleisch in Maßen, viel Gemüse und Nüsse – das ist der Plan. Das funktioniert, ich hab das schon mal gemacht. Ich habe noch einen Apfel und griechischen Joghurt, das esse ich dann heute, denn ich mag nichts wegwerfen. Danach konzentriere ich mich auf die alten Rezepte, die ich damals zu Hauf gesammelt und nachgekocht hab. Das war meistens lecker. Nur allerdings immer zeitaufwändig. Ich esse ja auch ungern, weil ich mich nicht gern stundenlang an den Herd stelle. Stattdessen gab es dann eben immer die schnellen Kekse zwischendurch.
Die obligatorischen, anfänglichen Kopfschmerzattacken des Entzugs sind durch und ich glaube, einen ersten Energieschub zu spüren. Ich fühle mich fitter. Darum geht’s ja auch.

Allerdings würde ich Ausnahmen einbauen: Hafer- oder Hirseflocken mit Mandelmilch und Banane als Energiebasis, wenn ich lange joggen gehe.
So wie gestern: Ich war das erste Mal in diesem Jahr draußen laufen. Mein vages Vorhaben in diesem Jahr ist ja noch immer, den HM im September in Bochum noch einmal, aber mit besserer Vorbereitung, anzugehen. Dafür schaue ich nach allen möglichen Tipps und Techniken. Krafttraining und Bauch- und Rückmuskeln stärken ist das eine; Meditationstechniken sind vielleicht eine nächste Möglichkeit. Im Nachbarort gibt es einen Qigong-Lehrer, der im vergangenen Jahr „mal eben“ einen Marathon gelaufen ist. Mit wenig Vorbereitung, aber vor allem auf sich selbst konzentriert während des Laufes. Das Wissen weiterzugeben, bietet er nun in einem wöchentlichen Laufkurs an. Wir waren zu viert, es war eisig kalt, aber… Noch nie bin ich so locker und beschwingt eine Stunde und etwa acht Kilometer durch die Gegend und tatsächlich über Stock und Stein gelaufen. Sich nach innen zu konzentrieren, sich zu zentrieren oder zu erden während des Laufens. Das hat mich sehr an meinen Meditationskurs MBSR erinnert: der geführte „Spaziergang“ durch den eigenen Körper, das Wahrnehmen und nachspüren. Ungewohnt, sich während des Joggens Gedanken über das linke Ohr oder das Kreuzbein zu machen… Aber schon wird das Rennen, das Atmen, zur Nebensache und fällt viel leichter. Man läuft einfach. Für mich war das eine super Erfahrung. Dass ich heute starken Muskelkater habe, hätte ich daher nicht vermutet. Auf jeden Fall werde ich nächste Woche wieder am Start stehen. Und vorher auch alleine draußen laufen; die Sonne scheint und die Luft verspricht Frühling.

Ich habe mir ja noch zwei weitere Dinge zum Verzichten auf den Zettel geschrieben, da hapert es aber noch. Am ersten Tag habe ich mir ein Buch über Zuckerverzicht bestellt, dabei wollte ich doch mal bewusst bis Ostern nichts kaufen. Und Handydetox ist auch schwierig. Zumindest habe ich die FB-App auf dem Handy nicht wieder aktiviert und das spart richtig Zeit, da nicht dauernd nachzuschauen. Und ich habe das Handy im Büro immer über ein paar Stunden ausgeschalte und trotzden nichts verpasst. ;o) Im Gegenteil, es bleibt mehr Zeit zum konzentrierten Arbeiten. Dennoch ertappe ich mich immer wieder, dass ich das Teil reflexartig in die Hand nehme und erst dann merke, dass es aus ist. Schlimm.

Nun freue ich mich auf mein Apfel-Joghurt-Frühstück und ein freies Wochenende.

In Liebe
Eliza

Tag 149 – sich offenbaren

Liebe Welt,

gestern habe ich das erste Mal einem mir fremden Menschen gegenüber laut ausgesprochen, dass ich ein Alkoholproblem habe und seit Monaten abstinent bin. Ich war in einer Suchtberatungsstelle der Caritas. Da kann man leider nicht einfach spontan hingehen, klingeln und mit einem Berater vor Ort reden, wenn es gerade rappelt im Kopf. Ich musste zwei Wochen auf den Termin warten. Aber nun bin ich „drin“ und wir haben uns für in vier Wochen neu verabredet. Zum Reden und zum Begleiten und zum Mut machen.

Vor allem Letzteres. Denn das fehlt mir sehr: der Mut, mich mir positiv zugewandten Menschen in meinem nahen Umfeld anzuvertrauen. Es weiß ja nicht mal mein Freund Bescheid. Nicht meine Familie. Ich mache das Ganze fast allein mit mir aus. Und das hält der Berater für gefährlich. Er nennt es „negative Abstinenz“ und meint, dieses Verhalten führe oft zum Rückfall. Ich solle – statt schambehaftet und schuldbewusst gegen den Dämon Alkohol anzugehen – stolz und aufrecht durch das Leben gehen und den Erfolg auch kommunizieren. Das würde mich und mein Netzwerk um mich herum stärken. Ein positves Feedback.

Ich aber habe Sorge, wie ich mit meiner Offenbarung zukünftig wahr genommen werden könnte. Ich weiß um die Klischees und Vorurteile und Lästereien über Alkoholiker. Wie häßlich und abwertend über Menschen gesprochen wird, die mit dieser Sucht kämpfen. Dabei sucht man/frau/ich sich das ja nicht freiwillig aus, sondern ich bin da sukzessive reingerutscht wie alle anderen Betroffenen auch.

Ich habe Angst, meinen Freund zu verlieren, wenn ich ihm alles erzähle. Der Berater meint, die Menschen würden eher anerkennen, was ich seit dem Aufhören geschafft habe und mich nicht danach bewerten, wie viel oder dass ich vorher getrunken habe. Da bin ich mir bei meinem Freund nicht sicher.

Wir haben über das Rauchen gesprochen und wie stolz ich darauf war und immer noch bin, damit von jetzt auf gleich aufgehört zu haben und dabei geblieben zu sein. Bei dem Thema klopfen mir die Leute immer (verbal) anerkennend auf die Schulter. „Was für eine Leistung!“ So sollte es auch jetzt sein. Eine andere Sucht – eine anerkannte Erkrankung sogar, und viel schwerer zu überwinden und viel heimtückischer im Kern, aber ich bin auf dem abstinenten Weg. Viel Grund zum Schulterklopfen. Eigentlich.

Dennoch habe ich Angst, verunsichert mich das, weiß ich nicht wie meine Gegenüber reagieren. Ich kann es nur ausprobieren. Das wird mir dringend angeraten. Für mein Ego, mein Selbstvertrauen und für meinen Selbstschutz. Positive Abstinenz.

Allerdings soll ich nichts über das Knie brechen und nun mit einer Reklametafel durch die Landen ziehen (mein Spruch) und mich öffentlich bloßstellen. Darum geht es nicht. Besser dosiert auswählen, wem ich vertrauen kann und mag, und auf den richtigen Moment warten. Oder ihn schaffen.

Letztens hatten wir das Thema in der FB-Gruppe und auf meine Sorge, mein Freund würde es nicht verstehen und mich vielleicht sogar verlassen deswegen, kam eine Frage: „Wollen wir denn mit Menschen zusammen sein, die uns (wegen der Sucht) nicht akzeptieren und die uns abwerten?“ Ich war damals sehr abgeschreckt von dieser Konsequenz, aber darum geht’s wohl: mich nicht zu verbiegen, ganz bei mir sein und nicht bei anderen, und so zur eigenen Mtte finden.

In Liebe
Eliza

Tag 148 – Fastenzeit

Guten Morgen. liebe Welt,

ich warte noch immer auf den Tag, an dem ich (mal wieder) voller Tatendrang morgens  aus dem Bett springe und kaum zu bremsen bin. ;o) Ich hoffe auf den Frühling.

Morgen beginnt die Fastenzeit und ich denke darüber nach, worin ich mich in den kommenden Wochen in Verzicht üben könnte. Die Klassiker Alkohol und Zigaretten fallen ja schon raus. Was ein Glück.

Was dann? Im Netz gibt es eine Fasten-Challange für weniger Fleischkonsum bis hin zum kompletten Verzicht. Aber im Grunde bin ich sowieso der Käse-, Joghurt- und Eierfan und esse wenig Wurst und Fleisch. Ganz ohne – ich kann es mir für mich noch nicht vorstellen. Das mit dem Zucker, zumindest dem industriellen, möchte ich schon gern noch mal angehen. Süßigkeitenfasten. Kann ich das über sechs Wochen schaffen? Bis Ostern sind es dann 46 Tage. Klingt im ersten Moment machbar und nach wenig, aber so lange Zeit ohne Alkohol war eine riesige Hürde.

Konsum einschränken, schlägt Google vor. Nichts kaufen oder bestellen in der Zeit, weil: Braucht man die Dinge wirklich? Und die Zeit am Handy einschränken. Das wäre eine echte Herausforderung, denn ich merke schon, wie sehr mich das Teil beschäftigt und Zeit kostet. Vielleicht das Gerät tagsüber in einer bestimmten Zeitspanne ausschalten?

Am Abend:
Ich probiere das jetzt: Süßkram  (Industriezucker) weg, Handydetox und Konsumreduktion.
Habe mir gesunde Sachen mit viel Gemüse gekocht, einen Kräuterquark für das Büro zusammen gerührt, Nüsse gekauft gegen den Heißhunger, die FB-App vom Handy gelöscht und mir einen winzigen Kalender gebastelt. Da kann ich jetzt jeden positiven Tag ein Kästchen abstreichen. Ich werde berichten.

In Liebe
Eliza

Tag 143 – Ziele setzen

Guten Morgen, liebe Welt,

ich habe ein neues Ziel. Eine Herausforderung. Gestern gefunden, länger drüber nachgedacht, gegoogelt, informiert und dann gebucht. (Heute morgen nach dem Aufwachen allerdings an meinem Größenwahn gezweifelt und festgstellt, dass ich nichts von meinem Extrem-Sein verloren habe.)

Ich bin angemeldet für den LittleMammut-Lauf Ruhr am Ostersamstag. In der harmlosen Version: Hunderte Menschen wandern gemeinsam durch das Ruhrgebiet und haben einen schönen Tag. In Wahrheit: Wir laufen zwischen 30 bis 55 Kilometern (bis zu 14 Stunden am Stück) und sind von einem gemütlichen Spaziergang weit entfernt…
Es ist klar, dass ich mich für die längere Strecke angemeldet habe, oder? OMG. Gestern habe ich Videos von Teilnehmern dazu angeschaut und fand es machbar. Heute war mein erster Gedanke: Das ist ja quasi einmal Münster und zurück.

Aber: Es reizt mich aus mehreren Gründen. Zum Einen laufe ich gern. C. meint scherzhaft, ich wäre in meinem früheren Leben sicher ein Kamel gewesen, weil ich alles Möglich erlaufe. Im Schnitt bin ich 8.000 bis 10.000 Schritte pro Tag auf Achse. Ich bin den Halbmarathon „gerannt“ und jogge viel.

Dann (Ostern) werde ich über ein halbes Jahr abstinent sein und irgendwie sehe ich das als eine gute Gelegenheit an, beim stundenlangen Wandern mal wirklich nur mit mir allein sein und über Vieles nachdenken zu können. Ich habe schon überlegt, den Jakobsweg mal ein stückweit zu laufen. Der LittleMammut ist nicht wirklich vergleichbar, aber eine schöne Option.

Und ich habe endlich wieder ein Ziel. Es flösst mir Respekt ein. Wie der HM im vergangenen Jahr. Ich freue mich.

In Liebe für heute

Eliza

 

 

 

 

 

Tag 142 – Zuckersucht

Liebe Welt,

um zu wissen, seit wann ich keinen Alkohol mehr trinke, muss ich immer auf meine App schauen, die die Tage für mich zählt. Ein gutes Zeichen. Doch der Dämon ist immer noch sehr präsent. Nur viel hinterhältiger als zu Beginn der Abstinenz, wenn das Verlangen nach Alkohol noch komplette Tage ausfüllt und so riesig ist, dass kein Platz für andere Gedanken ist als der nach dem ersten befreienden Schluck. Jetzt schleicht er sich auf leisen Sohlen an und steht plötzlich da; richtet sich auf in seiner ganzen furchteinflössenden Größe und manipuliert.

Ja, Alkohol ist teuflisch. Das ist nichts Neues. Mein jahrelanger Missbrauch hat mentale Spuren im Körper hinterlassen. Seit ich nicht mehr trinke, ist Zucker mein neues Laster. Ich brauche das Dopamin, ich brauche die schnelle Energie, ich brauche die Belohnung… Ich habe die Sucht verlagert.

Es ist nicht so, dass ich vorher nie Zucker gegessen habe oder in Maßen. Ich liebe Kekse! Es ist nicht der Konsum an sich, der mich merken lässt, dass ich ein neues „Problem“ aufgetan habe. Es sind die Gedanken, die mich dazu umkreisen und quälen. Suchtgedanken. Ich schaffe es nicht, längerfristig auf den Süßkram zu verzichten. Mal drei Tage, mal fünf… Dann kommt eine Situation, die mich emotional umtreibt und ich greife nach der nächstliegenden Zuckerbombe.

Beim Alkohol gibt es nicht wirklich Alltagssituationen, die mich triggern: Ich vermisse beim Kochen nicht den Wein dazu, bin auf Feiern innerlich gewappnet, dass die anderen trinken werden und dort viele Flasche herumstehen und ich immer wieder gefragt werde, ob ich nicht doch ein Schlückchen… Nein!
Höchstens beim Schreiben möchte ich ab und an am Glas nippen, weil mich das (meinte ich) kreativer werden ließ.
Nein, mich belasten am Meisten Momente großer Emotionen, denen ich mit Alkohol begegnen möchte. Ich möchte mich entspannen, trösten, belohnen oder einfach nur vergessen. Das kompensiere ich nun mit Zucker. Ich stopfe mich haltlos mit Gebäck voll. Beispiele? Das Ende einer Gerichtsverhandlung, nach einer Beisetzung oder einfach nur nach einem stressigen Tag: Ich will die fetteste Sahnetorte oder das süßeste Stück Kuchen was es gibt. Wahlweise eine Packung Schokoladenkekse. Und stressige Tage gibt es viele.

Allemal besser als mit Alkohol, möchte man meinen. Aber ich habe ein (ess-)gestörtes Verhältnis zu meinem Körper. Als Kind: zu dick, zu groß, zu plump, meinte meine Außenwelt, und ich wurde gehänselt und gemobbt. In der Familie und in der Schule. Ein lebenslanger Kampf mit dem eigenen Körperbild und gedanklich immer auf Diät. Ich kenne dicke Zeiten, ich kenne dünne Zeiten mit meinem Körper und selten war ich zufrieden mit dem, was ich im Spiegel sah. Essen ist für mich selten Genuss, sondern viel mehr Notwendigkeit und daher meist Nebensache. Ich hatte Glück und bin an allen ausgeprägten Krankheiten dazu vorbeigeschrammt und habe keine Bulemie, keine Mager- oder Fresssucht entwickelt.
Trotzdem kenne ich das Hochgefühl der Kontrolle über den eigenen Willen. Nichts zu essen, abgezählt zu essen, durch Sport aufgenommene Kalorien wieder zu verbrennen. Viel Sport für wenige Kalorien. Es hat krankhafte Züge, wenn die eigene Wahrnehmung auf der Strecke bleibt und man beginnt, sich Genuss nicht zu gönnen oder, schlimer noch, nicht zu verzeihen.

Als mir vor Jahren endlich bewusst wurde, dass ich zu viel Alkohol trinke und begann, davon loskommen zu wollen, war Selbsthass mein stetiger Begleiter. Ich wachte nach jedem betrunkenen Abend morgens mit ihm auf und hörte die dröhnenden Vorwürfe: „Wieso schaffst du es nicht aufzuhören?“ „Du bist Nichts, du bist schwach, du bist undiszipliniert…“

Ähnliche Gedanken trug ich während meiner früheren Diäten mit mir herum.

Nun höre ich sie wieder. Immer, wenn ich versuche, meiner Zuckerobsession Herrin zu werden und mit dem nächsten Gebäck scheitere. Nicht häufig, nicht täglich, aber seit ich nüchtern bin und klar und auf mich selbst zurückgefallen, hallen sie in meinem Kopf. „Wieso schaffst du es nicht, auf Zucker zu verzichten?“ „Du bist Nichts, du bist schwach, du bist undiszipliniert…“

Reduzieren, einschränken, einteilen… das können andere. Ich nicht. Zumindest nicht auf Dauer. Ich bin eine Ganz-oder-gar-nicht-Frau. Wie gesagt: Genuss ist mir fremd. Das hat sicher auch etwas mit Selbstliebe zu tun.  Achtung, Baustelle! ;o)
Ich kann nicht nur ab und zu mal eine Zigarette rauchen, nicht nur ein Gläschen trinken und nicht nur ein Keks am Tag essen. (Oder wahlweise an einem Stück Schokolade lutschen.)

Haltlos und maßlos – das ist für mich meine Sucht. Egal, in welchem Bereich. Dazu der Selbsthass, die Vorwürfe und Zweifel und diese Strenge mir selbst gegenüber, wenn ich – in meinen Augen – versage. Selbstzerstörung.

Wie finde ich da raus? Und wie kriege ich das mit dem Zucker in den Griff?

In Liebe
Eliza