Tag 22 – sich neu gewöhnen

Liebe Welt,

drei Wochen bin ich nun schon auf meinem neuen Weg unterwegs und hatte wider Erwarten noch gar nicht so mit Dämonen zu kämpfen. Hier und da tauchte mal einer auf, war aber recht einfach zu  besänftigen. Es heißt, es braucht wenigstens drei Wochen bis wir (Menschen) oder unser Körper sich an etwas Neues gewöhnt hätten: anders zu essen (Verzicht auf Zucker oder ähnliches), etwas Neues regelmäßig zu tun oder alte Rituale neu zu gestalten.
Als ich damals mit dem Rauchen aufhörte, habe ich mich intensiv mit der Droge beschäftigt und eine interessante Statistik gelesen. Die hat mir tatsächlich über die ersten nikotinfreien Wochen geholfen. Darin stand, dass nach den ersten zehn Tagen 70 Prozent doch wieder mit dem Rauchen beginnen, nach drei Wochen wären es bereits 90 Prozent.
Das hat mich geprägt. Ich wollte zum einen unbedingt diese drei Wochen „schaffen“ (und darüber hinaus), um letzten Endes zu den wenigen zehn Prozent zu gehören, die nicht wieder rückfällig werden. Es waren sehr anstrengende, lange drei Wochen, danach wurde das Verlangen tatsächlich milder und ich hatte bei jedem Suchtdruck später die Statistik im Kopf. Zehn Prozent Gewinner!
Heute, nach acht Jahren, würde mir in keinem Augenblick mehr einfallen, der mich wieder zur Zigarette greifen ließe.

Das führt mich zu mehreren Gedanken: Wie hoch ist die Rückfallquote bei Alkoholabhängigen? Gibt es ähnliche Satistiken und Richtwerte, an die mann/frau sich klammern könnte? Ich glaube, eine genaue Statistik ist gar nicht möglich. Die Dunkelziffer der Alkolabhängigen ist zu hoch. Wir outen uns nicht. Und: Viele versuchen im Alleingang – still und heimlich – von der Sucht loszukommen. So wie ich. Wer zählt unsere Anläufe? Unsere Rückfälle? Die Wochen oder nur Tage dazwischen? Selbst wenn wir gefragt werden würden: Die Scham über das (wiederholte) Versagen ist zu groß.
Es gibt nur wenige, die offen über ihre Alkoholsucht und ihren Weg davon los berichten. Wir sind tabuisiert.

Bei Rauchern ist mir ein ähnlicher Wandel aufgefallen, allerdings in umgekehrter Folge: Rauchen war früher ein anerkanntes Kommunikationsmittel, eine Gesellschaftsdroge wie Alkohol. Die meisten Menschen haben (miteinander) geraucht, es war cool, schick und so normal. Irgendwann wurde klar (uns klar gemacht): rauchen ist schädlich. Die Ersten begannen, sich davon zu lösen und wurden dafür zunächst skeptisch beobachtet, dann bestaunt und gefeiert. Nichtrauchen wurde Lifestyle. Raucher werden nun in der Gesellschaft immer mehr ausgegrenzt: Rauchverbote in Restaurants, Kneipen, öffentlichen Gebäuden, Flugzeugen, Zügen usw.  Raucher werden auf Flughäfen in stinkende Glaskästen gesteckt oder müssen am Bahnsteig in einem gelb markierten Rechteck stehen. Bloßstellung.
Es gibt in öffentlichen Gesellschaften heute kaum mehr Raucher und die outen sich nur noch verhalten, wenn sie heimlich nach draußen huschen, um vor der Tür schnell mal ein paar Züge zu rauchen. Der Genuss beim Rauchen wurde uns erfolgreich verleidet. Raucher werden heutzutage scheel angeschaut und mit den unausgesprochenen Gedanken der Nichtraucher konfrontiert: ‚Wie schwach bist du, dass du diese Sucht nicht lassen kannst? Nimm dir ein Beispiel an uns! Dein Rauchen passt nicht zu uns!‘

Zurück zum „Richtwert“: Für den Alkoholentzug habe ich ein paar ungefähre Angaben erlesen:

Der kalte Entzug dauert etwa zehn Tage, um den Körper erstmal giftfrei zu bekommen. Schwere Alkoholiker sollten das auf keinen Fall allein probieren.

Dann rechne ich mal den Zeitabschnitt der drei Wochen (21 Tage) als „Umstellung auf neue Rituale werden zur Gewohnheit“ hinzu: statt Wein am Abend trinke ich nun Tee und gehe laufen.

30 Tage lang begleitet der Podcast „Ohne Alkohol mit Nathalie“ Menschen, die mit dem Trinken afhören möchten. Kostenpflichtig.

42 Tage ist eine neue Zahl, die mir mehrmals begegnet ist: in einem (kostenfreien) Selbsthilfeangebot der AOK. (www.selbsthilfealkohol.de) Hier wird mit einem sechswöchigem Programm professionelle Hilfe angeboten. Reduktion oder Abstinenz steht den Teilnehmern frei. Es geht um Sensibilisierung für das eigene Trinkverhalten. Das war mein erster ernsthafter, verzweifelter Versuch, aufzuhören. Eine Qual über 19 Tage, danach Rückfall.
42 Tage soll angeblich auch der Zustand der „rosa Wolke der Euphorie“ über das neue nüchterne Leben andauern…

100 Tage ist die eine magische Zahl, die viele für sich als Ziel definieren. Bei den AA gibt es nach drei trockenen Monaten die erste Medaille. Clare Pooley hatte sich vorgenommen, die ersten 100 Tage durchzuhalten und dann einen „Kassensturz“ zu machen. Ich hatte beim zweiten Versuch 105 Tage gut geschafft. ABER: Ich hatte die für mich positiven Veränderungen nicht wahr genommen, nicht verinnerlicht. Die Dimension dessen, ws ich bereits geschafft hatte, war mir nicht bewusst. So what!

Ein Jahr: So lange haben verschiedene Autoren im Selbsttest auf Alkohol verzichtet, darüber geschrieben (und dann zum Teil wieder mit dem „bewussten“ Trinken angefangen.)

Ein Leben lang: zu weit weg. Zu groß. Beängstigend.

Die AA haben die meiner Meinung nach beste Strategie. Weil wir autmatisch vor dem Gedanken an Verzicht zurückschrecken (Uns wird etwas weggenommen!) und Zeitvorgaben das Ganze nur auf ein verkrampftes „Wie lange darf ich nicht mehr?“ reduzieren, gibt es einen einfacheren Weg: kleine Schritte und nicht auf den Berg vor uns, sondern besser nach unten, auf eine kurze Distanz vor unseren Füßen schauen. Wie Läufer, die einen Anstieg bewältigen wollen. Irgendwann ist man oben. Egal wie lange es dauert.
„Nur für heute nicht trinken!“, lautet das Mantra. Oder: „Nur für jetzt nicht…, nur für die nächste viertel Stunde nicht… usw.“ Irgendann wird es leichter. Egal wie lange es dauert. Wir haben ja ein Leben lang Zeit dafür…

Alles Liebe euch da draußen

Eliza

 

 

 

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