Tag 23 – Wer ich sein möchte

Liebe Welt,

ich wollte nie eine Prinzessin sein, lieber Motorradbraut – cool und furchtlos. Auf jeden Fall eine Rebellin, denn genau das war ich als Kind und Jugendliche nie. Ich war nur nett, empathisch und angepasst. Mit 16 habe ich mal ein bisschen den Aufstand geprobt und provokant mit dem Rauchen und Trinken angefangen, um endlich mal zu den angesagten Leuten zu gehören. Bin mit einer Clique aus dem Viertel losgezogen; wir haben in Kneipen gehockt und Bier getrunken, von unseren Fluppen die heiße Asche auf den kühlen Schaum im Glas geschnippt und geglaubt, das mache schneller betrunken. Vielleicht war es so, ich war schnell betrunken, und verlor die Kontrolle über mich. Gemeinsam blödeln, lachen, tanzen und torkeln im Park. Verrückt sein. Den bitteren Geschmack des Bieres habe ich verdrängt, den Ärger zu Hause in Kauf genommen. Wir haben für Klassenfahrten billigen Wermuth gekauft und heimlich in der Zugtoilette getrunken; uns vor der Disco am Schnaps aus dem Barschrank der Eltern bedient und und uns später am Abend für kleines Geld mit WodkaCola und Orangensaft mit Schuß an der Theke abgefüllt.

Ich wollte gesehen und wahrgenommen und anerkannt werden. Aber ich war naiv, ohne Argwohn, gut sozialisiert und musste mich in der Schule für gute Noten nicht mal anstrengen. Im Sport eine Niete, aber belesen und schreibtalentiert. Belächelt und verspottet wegen meiner Größe und meiner Rundungen.

Mitzutrinken, viel zu vertragen, mitzuhalten hat Respekt verschafft. Das ist krank.

Beliebt, geliebt und anerkannt sein möchte ich heute immer noch. Wer denn nicht? Wahrgenommen werden. Nur bin ich den falschen Weg gegangen oder nein, anders: Der Weg ist meiner und richtig. Es ist mein persönlicher Lebensweg. Nur wie ich ihn gegangen bin: meistens gerannt mit zu viel Gepäck und dabei immer gedacht, ich sei noch zu langsam. Unterwegs über die Jahre immer noch mehr und mehr Ballast aufgeladen und immer schneller und schneller gerannt. Mir wenig Zeit für Pausen, Leichtigkeit und mich genommen. Und in den vergangenen Jahren die Erschöpfung und Verzweiflung mit Alkohol kompensiert. Weil ich nicht mehr langsam gehen konnte.
Warum nur bin ich so gerannt?

Früher war ich eine kommunikative, fröhliche junge Frau mit einem stabilen Freundes- und großen Bekanntenkreis. Ich hatte oft Besuch oder war eingeladen, hing stundenlang am Telefon, um mit Freundinnen zu quatschen. Wir sind tanzen gegangen und hatten Spaß. Ich habe gemalt und viel gelesen.

Das ist alles weg, obwohl es die meisten Freunde (irgendwo da draußen) noch gibt und ich mich nur melden müsste; der Bekanntenkreis noch groß geblieben, aber eher oberflächlich ist.
Mein Gerenne und der Alkohol haben mich einsam gemacht. Stück für Stück habe ich mich in mich und mein Privatleben zurückgezogen. Es ist ein schleichender Prozess, sich sozial zu isolieren. Mir fehlten die Kraft und die Konzentration, mich neben meinem anstrengenden Leben auf andere einzulassen. Ich habe während der Telefonate oft Wein getrunken, manchmal eine ganze Flasche geleert, und war zum Schluß zu betrunken, um mich am nächsten Tag zu erinnern, worüber wir gesprochen haben. Ich habe einfach nicht mehr richtig zugehört, und mich als früher empathische Freundin damit sukzessive aus der Freundschaft katapultiert. Es war in meinem benebelten Kopf kein  Platz mehr für fremde Sorgen und die Probleme der anderen.
Und ich war mir oftmals peinlich und habe mich geschämt. Weil ich mich nicht mehr erinnern konnte und auch dachte, bestimmt irgendwelchen Blödsinn genuschelt zu haben. Ich war mir sicher, mein Gegenüber habe meine Trunkenheit bemerkt.
So habe ich aufgehört zu telefonieren, mich zu verabreden, auszugehen, Besuch zu empfangen. Ich wollte nur noch nach der Arbeit nach Hause kommen und Ruhe haben. Etwas (zu viel) trinken und runter fahren. Dann ins Bett gehen und alles wegschlafen und vergessen.

Niemand in meinem Umfeld, nicht die Kollegen in der Firma, nicht die Bekannten im Verein usw. würden das von mir glauben. Im Job habe ich stetig mit Menschen zu tun, bin am agieren und kommunizieren. Ich kann Rampensau sein mit wenig Angst vor neuen Kontakten, die Rebellin, die Anführerin. Aber: DAS ist nicht echt. Oder zumindest fühlt es sich für mich nicht echt an. Oder ich bin zwiegespalten? Es heißt ja auch „allein unter Vielen, einsam unter Menschen“. So fühlt sich das an.

Wer möchte ich stattdessen sein? Klar, empathisch, in meiner Mitte angekommen, konzentriert, positiv, optimistisch, frei von Ängsten, zuversichtlich, gelassen, kreativ, freundlich, neidlos, klaglos, weise, Ratgeberin, Zuhörerin, sorgsam, entspannt, mutig, sportlich, liebend, lesend, schreibend, tanzend, singend, fröhlich, unverdrossen, …, nüchtern.

Möglich?

Möglich!

In Liebe
Eliza

 

 

 

 

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