Liebe Welt,

es wird milder und gestern war ich das erste Mal seit Reisebeginn mit der Situation konfrontiert, die wir alle auf dem Weg der Abstinenz schon einmal erlebt haben: Ich war zu einem gemeinsamen Kochabend mit anschließendem Essen eingeladen, kannte Gastgeber und Gäste nur flüchtig und hatte im Vorfeld gefragt, was ich mitbringen dürfte. „Eine Flasche kalten Sekt für ein leckeres Mangosektsorbet“, kam per Whatsapp zurück. „Oh, ich trinke keine Alkohol“, antwortete ich, um der Gastgeberin die Planung zu erleichtern. (Vegetarier /Veganer/Allergiker sollten bei solchen Einladungen auch besser im Vorfeld Bescheid geben, um später unangenehme Situationen zu vermeiden und sich statt mit einem eigens für sie kreierten Gericht nur mit Beilagen zufrieden geben zu müssen.) Prompt kam zurück: „Dann gerne alkoholfreien Sekt, das funktioniert auch prima.“ Fein.
Im Supermarkt musste ich nun gezielt in die Wein-/Sektabteilung und war schier erschlagen ob des Sortiments. Sekt war nie mein Renner, er macht mich müde und schmeckt mir nur gemischt mit süffigen Zugaben. Nach fünf Minuten hatte ich noch immer keinen alkoholfreien Sekt gefunden, aber auch keine Lust mehr, weiterhin die Flaschen zu inspizieren. Dann also mit Alkohol. Ein beklemmendes Gefühl an der Kasse und später zu Hause: Den Dämon im Kühlschrank.
Vor dem Essen kam erneut die Frage auf ‚Sorbet oder nicht‘, und ich musste mich noch einmal erklären: Für mich bitte alkoholfrei oder ich schaue gerne auch nur zu. Extrawurst sein kann unangenehm sein, muss es aber nicht. Das Sorbet wurde mit alkoholfreiem Sekt zubereitet und war mega lecker.
Zum Essen wurden Bier und Wein gereicht und dazu die (erwartete) Frage: „Trinkst du nie Alkohol?“ Hüstel, hüstel. „Nein, nie.“ … Ich sag’s mal so: Ich habe mit der Antwort quasi der Zukunft vorausgegriffen und einfach schon mal das bestätigt, was ich auch in einem Jahr, in fünf, in zwanzig Jahren noch gern so hätte. Frei vom Dämon zu sein.
Spannend war zu erleben, wie sich das Thema am Tisch dann plötzlich m Alkohol drehte. Wer wann wie viel trinkt („Oh, nur bei bestimmten Anlässen“, „nicht, wenn ich mit dem Auto da bin“, „so ein Federweißer hat kaum Alkohol“ usw.). Ein Nichttrinker in der Runde irritiert und kann auch eine Welle von Rechfertigungen bei den anderen auslösen.

Aus den Erfahrungen anderer, die sich mit dem nüchtern werden und bleiben wollen, sind oft Tipps und Ausreden beschrieben, mit denen wir unsere Abstinenz entschuldigen sollen: noch fahren und/oder früh raus zu müssen, Medikamente zu nehmen, die sich nicht mit Alkohol vertragen, anstehende Prüfungen uvm. Ich finde das schlimm. Jeder, der ein Leben abseits vom Mainstream führt, ob Zuckerverzichter, Vegetarier, Veganer,… , Autoverweigerer oder was immer, hat sich dafür zu entschuldigen oder zu erklären.

Ich denke (und werde das so probieren), dass schon ein „Nein, danke, für mich nicht.“ oder ein maximales „Nein, ich trinke keinen Alkohol.“ reichen müssen, um meinen Willen kund zu tun. „Nein.“ ist ein vollständiger Satz, den ich nicht zwingend erklären müssen sollte.
Hilfreich bei hartnäckigen Nachfragen können bei Nichtrauchern auch Gegenfragen sein: „Rauchst du?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“

Der Abend war toll, das Essen lecker, die Gespräche interessant. Ich habe viel Wasser getrunken und nicht eine Minute das Glas Wein zum Essen vermisst. Das ist doch schon was. Ein kleiner Sieg und Hoffnung, dass mein restliches Leben ohne Alkohol funktionieren kann.

Zu Hause habe ich mich noch für eine halbe Stunde mit einem heißen Kräutertee in den Sessel gekuschelt und mich still für mich über 23 trockene Tage gefreut.

Für heute in Liebe und einen guten Tag
Eliza