Früher: Hausordnung und Federball

Federball heißt heute Badminton oder nur in Westdeutschland so, wie Broiler und Brathähnchen das gleiche meinen?
Ich erinnere mich: Die Sommer sind hell und laut. In unserem Neubaublock leben 40 Familien, zehn in jedem Aufgang über fünf Etagen. Treppe hoch, immer zehn Stufen: Linkerhand die großzügigen Drei-, Vier- und Fünf-Raumwohnungen plus Balkon. Rechte Seite kleine Einraumbuden mit Küche und Bad für Singles und Paare, die noch zusammenrutschen können. Zentralheizungsgemütlich und mit Badewanne im gefliesten Innen-WC. Die Wohnungen sind begehrt und die Küchenmöbel als Standard schon drin. In jeder Küche das gleiche Modell: zwei Hängeschränke, zwei Unterschränke, die Spüle und ein Herd. Funktional, beige, sprelacardbeschichtet. Gardinen vor den Fenstern und jede Woche kleine Hausordnung. Das Treppenhaus fegen und die Stufen von der eigenen zur nächst unteren Etage wischen. Zehn Stufen, Absatz, zehn Stufen, fertig. Der Beton der Treppe ist pflegeleicht, buntgesprenkelt und eiskalt am Po, wenn ich zu lange vor der Wohnungstür auf ihm sitze und darauf warte, dass einer kommt und mich einlässt, weil ich den Schlüssel vergessen habe.
Alle zehn Wochen samstags der Großputz vor dem Haus. Eingangsbereich und Gehweg säubern, Unkraut in den Beeten rupfen, Rasenkanten stutzen, Hecken schneiden. Besen, Schippe, Eimer stehen in einem schmalen, verschlossenen Verschlag gleich neben der Kellertreppe unten links. Der Schlüssel mit dem Pappschild „Große Hausordnung“ wandert von Tür zu Tür, und baumelt meistens am Sonntagabend schon am Türknauf der nächsten Wohnung. Unangenehme Überraschung am Montagmorgen. Schon wieder dran? Kann das sein?
Wenn es in der „Dran“- Woche täglich schneit, wird es ungerecht. Wer das Schild hat, muss Schnee schippen. Morgens um 6 Uhr kratzen vor allen vier Hauseingängen die Schieber die weiße Pracht erbarmungslos von den Gehwegplatten. Der Rhythmus ist nicht stimmig, die Melodie brutal: Holz schabt auf Stein. Ich halte mir die Ohren zu.
Das Haus ist bis an den Rand gefüllt mit Kindern. Wir sind eine lautstarke, kreative Bande. Rennen als Rudel mit heulendem Indianergekreisch an den Reihengaragen vorbei. Sind Räuber und Gendarmen, Verstecker und Entdecker, Gummihopser und Federballer.
Die Straße vor dem Haus macht am Abend Platz für das Spiel. Wir sind zu acht, vier gegen vier, und stellen uns im gehörigen Abstand gegenüber auf. Wir schwingen die schmalen Schläger peitschend durch die Luft wie ein Krieger sein Schwert vor der Schlacht, und hören den hohlen Ton des Windes, der sich schmerzgepeinigt aufbäumt. Mit kundigem Blick stippen wir das sehnige Netz gegen unsere Handfläche und prüfen den Widerstand. Heben den Schläger gegen das Licht und schauen durch die Maschen nach Lücken und Löchern. Der Federball ist ein unscheinbares Objekt – ein halber Gummiball mit weißem Plasikfederschmuck, aber der Wichtigste im Spiel. Und so kostbar. Wir haben nur den einen. Wir bohren mit dem nassen Zeigefinger in den Himmel und messen den Wind. Stille ist perfekt. Manchmal beschweren wir den Hohlraum im Ball mit einem Stein. Der Federball fliegt in hohen Bogen hin und her durch die Luft, kreuz und quer, rüber und nüber. Wir zählen die Treffer und lachen und rennen und recken unsere Schläger dem kleinen Flieger entgegen und katapultieren ihn hoch und weit zurück und – oh nein… Der Federball ist auf dem nahen Garagendach gelandet. Wer klettert hinauf?

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