Liebe Welt,

wer bei dem Titel nun meint, ich hätte mich endlich zu meiner Sucht geoutet, liegt nur teilweise richtig. Ich beziehe mich auf etwas ganz Anderes: Vor Kurzem erschien im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Interviewreihe zum Thema sexuelles Outing. 185 Schauspieler*innen gaben öffentlich bekannt, was sie sind: homosexuell, transsexuell, queer, bisexuell und so weiter. Eine Fotocollage mit allen Gesichtern ziert das Cover, sechs von ihnen erzählen im Interview über ihr Leben und Outing. Der Beitrag und das Thema unter dem Begriff #actout sind in allen Medien präsent und werden als mutig und notwendig und innovativ beschrieben. Es geht den Menschen der Aktion um Klischees, um Anerkennung und die Angst, keine Rollen zu bekommen, wenn frau oder mann anders ist.
Ich verstehe diesen medialen Hype nicht wirklich. Für mich ist es längst egal, wer oder was jemand ist. Wie er und sie ihr Intimleben gestalten. Denn es ist genau das: höchst privat und geht mich und den Rest der Welt nichts an. Niemand wird geschädigt oder gezwungen, anders zu sein. Denn niemand sucht sich das aus. Wir werden mit unseren sexuellen Neigungen geboren. (Dass ich damit weder sexuellen Missbrauch noch Gewalt an anderen rechtfertige, sollte klar sein, oder? Dafür gibt es keine Entschuldigungen.)
Was ich meine ist: Wenn es für unsere Gesellschaft so eine riesige Sache ist, sich in seiner sexuellen Neigung zu outen, wie lange wird es dauern, bis sich Süchtige wie ich an die Öffentlichkeit wagen? Welches dieser beiden Vorurteile wiegt schwerer? Oder sich überhaupt zu outen, wenn man mit irgendwas nicht dem Gesellschaftsbild entspricht.
Bei dieser Aktion muss ich wieder einmal an das Outing der Frauen denken, die 1971 im Stern öffentlich zugaben: „Ich habe abgetrieben“. Auch das ist eine höchst intime Angelegenheit, die ans Licht geholt wurde, um das verbohrte Denken in den Köpfen aufzuschrecken.

Vielleicht bin ich auch erschrocken, dass dem Thema sexuelle (Anders-)Orientierung noch immer so viel Rampenlicht eingeräumt werden muss. Es ist so paradox wie vieles andere auch: Jedes Kind hat heutzutage per Smartphone Zugriff auf Pornoseiten im Netz, Filme ohne „sex sells“ sind rar geworden und jeder sonstige (hetero)konforme Lebensmüll vom Seitensprung bis zum Rosenunterhaltskrieg wird werbewirksam aufbereitet. Aber dass Liebe auch andere sexuelle Facetten hat, bleibt ein höchstens geduldetes (Tabu-) Thema, auf dem schwer zu kauen ist. Ich dachte, wir wären weiter.

Ähnlich wohl mit dem Alkohol. Die breite Masse konsumiert ihn ohne zu hinterfragen, er ist gesellschaftsfähig und gehört zum guten Ton. Aber gespiegelt werden möchte dann doch keiner. Nicht hinsehen oder hinhören, dass und wenn Alkohol zerstört. Wie wäre es, wenn 185 Männer und Frauen sich als Alkoholiker*innen im Stern outen würden? Menschen wie ich, die nicht dem Klischee der so genannten Loser und Unterschicht und Sozialschwächlinge entsprechen.
Oder 185 Eltern, deren Kinder trotz guter Erziehung und Bildung und intakter Familien drogensüchtg geworden sind?

Manchmal weiß ich auch nicht…

Mein kleines Coming out hatte ich vor zwei Wochen in einer meiner beiden virtuellen Selbsthilfegruppen. Dort steht mein Klarname dabei und ich habe mich getraut. So ein bisschen „was soll’s“ dabei. Hat gar ncht weh getan.

Ich hoffe, ich werde noch mutiger. Ihr auch?

Alles Liebe
Eliza