Früher: Altstoffe, Ausklopfer und Gummihopse

Gegenüber unserem Neubaublock liegt ein kleines Areal, auf dem der Schmutz gesammelt wird. Ausgelegt mit groben Gehwegplatten, von Hecken umschlossen und einem schmalen Zugang zwischen den Büschen. Ich blicke aus dem fünften Stock hinunter auf das graue Rechteck und erkenne von hier oben seine Ordnung. Rechterhand: Die klapprig zerbeulten Mülltonnen geben sich Mühe und stehen stramm und ausgerichtet wie Zinnsoldaten. Ihre runden Blechdeckel öffnen sich mit einem rostigen Quietschen und fallen scheppernd zurück, wenn sie losgelassen werden. Der Müll ist nichts Besonderes. Was so weggeworfen wird: Essensreste und Kartoffelschalen, leere Obst- und Kaffeebohnentüten oder die stinkenden Hobelspäne vom Meerschweinkäfig, der jede Woche gereingt werden muss. Keine heiße Asche einwerfen!, steht als Warnung auf den runden Tonnen aufgedruckt, was aber sinnlos ist, denn wir wärmen uns modern über eine Zentralheizung.

Getrennt wird automatisch. Papier und leerer Glasmüll ohne Pfand kommen extra. Kleidung wirft selten jemand weg. „Ist doch noch gut!“ Die Tageszeitungen werden gesammelt, zu dicken Packen gebündelt und mit Paketschnur verzurrt. Altstoffe nennt sich das und bringen Geld, wenn sie in der Annahmestelle abgegeben werden. Wenn. Pro Kilo Papiergewicht gibt es ein paar Pfennige, beim Glas pro Stück.

Mehrmals im Jahr rennen wir an einem Nachmittag offiziell als Pioniere in kleinen Sammeltrupps und mit Handwagen von Haus zu Haus und klingeln an den Türen: „Haben Sie Altpapier?“ Der Erlös wandert in die Klassenkasse. Jeder neue Zeitungspacken wird routiniert gecheckt, bevor er abgegeben wird. Verbergen sich zwischen den Tageszeitungen des Neuen Deutschland und der Jungen Welt ein paar DDR-Illustrierte? Die bunten Magazine sind rar und Bückware und wandern zum Lesen erstmal von Hand zu Hand.
Einmal habe ich riesiges Finderglück: Eine ganze Sammlung des Filmspiegel fällt mir in die Hände und ich schleppe meine Beute heimlich davon. Später werde ich in meinem Kinderzimmer staunend die schmalen Hefte durchblättern und die Poster der Filmschauspieler, deren Namen ich nicht richtig aussprechen kann, über mein Bett heften. Sophia Loren, Marcello Mastroianni, Ingrid Bergmann, Antony Quinn, Pierre Brice. Zu dieser Zeit liebe ich die italienischen Filme der 50er Jahre, die im Ostfernsehen gezeigt werden. „La Strada“ und „Stromboli“ beeindrucken mich nachhaltig.

Auf dem Mülltonnenplatz gibt es linkerhand eine Teppichstange. Sie sieht aus wie ein Reck aus dem Sportunterricht, ist aus Metall und grau gestrichen. Wenn ich mich strecke und ein Stück nach oben springe, kann ich mit meinen Händen gerade so die Querstange umgreifen und mich ein wenig baumeln lassen. Schnell verlässt mich die Armkraft und ich lasse los. Geräteturnen ist mein Angstgegner.

Ab und an wird die Teppichstange für das genutzt, wofür sie steht: Männer hieven schwere Läufer über die Stange und schlagen mit dem Ausklopfer ungestüm und rhythmisch auf die bunten Muster ein. Dichte Staubwolken lösen sich aus den Teppichschlingen und fliegen davon. Das Echo der dumpfen Schläge steigt nach oben und hallt weit über den Platz. Der Ausklopfer ähnelt einer Blume mit einem verschlungenen Blütengeflecht und langem gedrehtem Stiel und federt bei jedem Hieb. Auch bei Schlägen auf den Hintern, wenn wir etwas angestellt haben. Die Weide zwirbelt auf der Haut und hinterlässt rote Striemen. Was war es bei mir? Eine Tüte Bonbons, die ich in der Kaufhalle unbezahlt in meine Brottasche gleiten ließ. Am Abend flog der Diebstahl auf.

Manchmal dient ein Fuß der Teppichstange als Beinersatz, wenn wir Gummihopse spielen wollen, aber nur zu zweit sind. Dann schlingen wir das Schlüpfergummiband ersatzweise um das Metall und geben uns damit zufrieden, dass wir es nach jedem geglückten Sprung selbst ein Stück weit nach oben schieben müssen und die Litze an dieser Seite im spitzen Winkel mündet. Das macht das Springen zugleich schwieriger. Von den Fersen, Knöcheln, Waden, über Kniekehlen und Oberschenkel hüpfen wir in festgelegte Positionen auf und über das Band. Ab Pohöhe wird es schwierig, mit beiden Füßen auf dem gespannten Gummiband zu landen. Die Könner schaffen schon auch die Königsdisziplin und springen halshoch.

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