Tag 33 – Verbündete

Liebe Welt,

es heißt, dass man sich Mitwisser suchen soll, wenn man sich eine schwierig erscheinende Aufgabe vorgenommen hat. Mit dem Rauchen aufhören, einen (halben) Marathon rennen, einige Kilos abnehmen, für eine lange Zeit auf Zucker (oder was immer) verzichten zu wollen. Den Plan einfach laut verkünden bzw. so vielen Leuten wie möglich davon erzählen. Das hat mit einen psychologischem Effekt zu tun, denn so tricksen wir uns selber aus. Weiß keiner von unserem Vorhaben, müssen wir das mögliche Scheitern auch nur mit uns selbst ausmachen. Oder geben generell eher auf, weil auch der Zuspruch von außen fehlt. Wissen viele davon, strengen wir uns mehr an und halten länger durch. Im besten Fall bis ins Ziel.

Hier zu schreiben, mich zu outen und sprichwörtlich zu häuten, ist ambivalent. Einerseits erleichternd, alles raus zu lassen ohne Tabus, mich ALLEN (der ganzen – ja, nur virtuellen Welt, aber immerhin) mitzuteilen, aber andererseits nur die halbe Wahrheit, da ich anonym schreibe und panische Angst habe, mein Sohn hier daheim, meine Kinder, mein Freund, meine mir Nächsten lesen das alles. Die Scham ist zu groß.

Ich habe mich voriges Jahr nur zwei Menschen tatsächlich anvertraut. Meiner damaligen Therapeutin heulend und verzweifelt gebeichtet, dass ich mich für alkoholabhängig halte, weil ich mein Trinken nicht kontrollieren könnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich so tief unten, dass ich mich am Liebsten in eine Entzugsklinik einweisen lassen wollte, um endlich, endlich mit dem täglichen Konsum aufhören zu dürfen. Meine bis dato so  lebenskluge, toughe Therapeutin war mit meiner Beichte völlig überfordert: „Sie wollen in eine Entzugsklinik?“ Ich glaube, sie hatte vorher keinen Gedanken daran verschwendet, dass ich, ausgerechnet, ein Alkoholproblem haben könnte. Hochfunktional eben.
Sie hatte Erfahrung mit Essstörungen, aber nicht mit Alkoholsucht. Und nein, dass ist nicht vergleichbar. Sucht ist nicht gleich Sucht.
Meine Therapeutin erschien mir hilflos. Sie fragte zwar nach meinem täglichen Konsum (erstmal geschwindelt: eine halbe Flasche Wein), aber ihr wirklich ernstgemeinter Rat war unglaublich: “ Trinken Sie doch einfach weniger. Nicht jeden Tag. Oder schütten Sie von der geöffneten Flasche Wein erstmal mindestens die Hälfte in den Ausguss, damit Sie nicht in Versuchung geraten, doch alles zu auszutrinken.“
Sie riet mir damit zu kontolliertem Trinken, was Alkoholiker NICHT können. Und sie sagte „einfach“.
Danach fragte sie in jeder Sitzung nach dem Stand der Dinge und ob ich noch regelmäßig tränke, aber der Moment war vorbei: Ich wollte mit ihr darüber nicht mehr sprechen; ich fühlte mich bei dem Thema von ihr nicht verstanden. Also belog ich sie und schwächte ab. Damit taten wir beide zufrieden.

Der zweite Mensch, dem ich von meinem Problem erzählte, ist eine Freundin, mit der ich bis zu einem heftigen Streit (und einer hässlichen Trennung) oft telefoniert und damals sehr viel von meinen privaten Sorgen preisgegen hatte. Nach unserer Versöhnng Monate später offenbarte ich drucksend meine Sucht, weil ich dachte, ich sollte es tun. Sie meinte, sie hätte sich etwas in der Richtung schon gedacht, da ich Alkohol in unseren Gesprächen immer sehr thematisiert hatte. Wir haben das Ganze nicht weiter vertieft. Als ich voriges Jahr meine erste lange Abstinenzzeit schaffte, unterschrieb ich die Mails immer mit der Anzahl der nun trockenen Tage. Sie freute sich mit. Als ich rückfällig wurde, erwähnte ich das erst später kleinlaut im Nebensatz. Mein Versagen war mir peinlich.
Jetzt telefonieren wir nur noch selten (Der Streit und die Trennung haben Spuren hinterlassen und Vertrauen zerbrochen.) und dass ich es nun erneut ohne Alkohol schaffe, weiß sie nicht. Ich könnte ihr den Link zum Blog schicken. Aber mein Bauchgefühl hält mich noch ab. Vielleicht muss ich mich selbst erst sicherer fühlen?

Ich tue das (trocken werden und bleiben) für mich, nicht für andere. Und ich kann im Moment gut gemeinte Hinweise auf Sendungen im Fernsehen (‚Da läuft eine Doku über alkoholabhängige Frauen. Das ist was für dich.‘) oder liebe Versuche wie ‚Mein Verwandter XY ist seit Jahren trocken, den können wir mal besuchen.‘ nicht ertragen, wenn sie von Menschen kommen, die sich nicht einmal im Ansatz vorstelen können wie es mir geht. Die kein Problem mit Alkohol haben oder hatten.
Und nochmal nein: Nikotinsucht oder mit dem Rauchen aufgehört zu haben, ist nicht vergleichbar.

Was mir bleibt: Ich brauche Verbündete auf Augenhöhe. Die ein Stolpern, meine Ängste, den Suchtdruck, die Verzweiflung, die Häutung und sogar ein Scheitern im Rückfall verstehen. Die Mut machen und trösten. Weil es ihnen ähnlich geht.
Ich könnte real zu den AA-Treffen gehen (traue mich aber nicht) oder mich stattdessen wieder virtuell einer AA-Beginner-Gruppe anschließen oder erstmal nur in der Facebook-Gruppe mitlesen und manchmal kommentieren.

Und mein Freund: Der ahnt nichts. Denn er verabscheut und verurteilt Alkoholoker als nur „zu willensschwach und undiszipliniert“, von der Sucht los kommen zu wollen. Für ihn ist das keine Krankheit, sondern nur ein faule Ausrede, weiterzutrinken. Diskussionen zu dem Thema haben zwischen uns zu heftigsten Debatten bis zu handfesten Streits geführt. Er ist da unerbittlich. Also hüte ich mich mit meinem Outing.

In Liebe
Eliza

3 Gedanken zu “Tag 33 – Verbündete

  1. Liebe Eliza,

    danke für Deine liebe Antwort. Habe jetzt den ganzen Blog gelesen…ging nicht anders:))) So bin ich halt.
    Ich habe gestern meinem Mann erzählt, dass ich glaube, dass es ganz ganz viele Frauen wie mich gibt. Und wie Dich. Und das gibt mir so viel Kraft. Ich muss mich nicht schämen. Ich bin stolz. Was alle anderen machen, ist deren Sache. Aber ich bin nicht bereit, für diese paar Minuten am Tag den Rest meines Lebens zu opfern. Endlich endlich sehe ich es als Gewinn und nicht als Verlust…aber das habe ich ja schon geschrieben:)

    Im Konsumverhalten und der Außenwirkung war das genauso wie bei Dir. Auch das mit Deinen Kindern kann ich so so gut verstehen. Wie es einen zerreißt, wenn man nicht helfen kann. Dabei können wir jetzt doch so viel besser helfen als wenn wir uns hassen. Das allerwichtigste, was man seinen Kindern vermitteln kann, ist doch sich selbst zu lieben. Und doch ist das so schwer.

    Liebe Eliza, eines gibt es bei mir noch. Auch dazu will ich stehen und muss es verarbeiten. Ich bin ein Sektenkind. Und vor einiger Zeit aufgewacht. Nachdem ich mein ganzes Leben daran geglaubt habe. Das kann ein Außenstehender nicht nachvollziehen. Kann ich es doch selbst manchmal kaum glauben.
    Da gibt es noch einiges familiär zu tun. Deshalb kann ich noch nicht ganz offen sein.

    Aber für die Zukunft wünsche ich mir: Offen zeigen, wer ich war und wer ich jetzt bin. Jedem Mut machen, dass es machbar ist, einigermaßen glücklich zu werden.
    Kein Versteckspiel mehr. Nicht etwas spielen, was man gar nicht ist.

    Wer bin ich? Das finde ich jetzt heraus. Und das geht nur klar im Kopf.

    So, jetzt wünsche ich Dir einen wunderschönen Sonntag. Du bist ein toller Mensch…so weit ich das aus der Ferne beurteilen kann. Sei nicht immer so streng mit Dir. Ich hab mal gehört, man soll sich selbst so behandeln, wie man seine Tochter behandeln würde. Also, meine würde ich am liebsten (fast immer…außer sie ist wieder so ein Klugscheisser;) ständig streicheln.

    Bis bald…pass gut auf Dich auf.
    Geli

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  2. Liebe Geli, wie schön, mit einem solch herzlichen Brief den Samstagmorgen zu beginnen. Gerade in diesen Tagen hadere ich wieder mehr mit Corona und meiner Überdrüssigleit dem Virus gegenüber. Aber wer nicht? Da erhellen deine lieben Worte einfach mal den Tag und ich fühle mich weniger einsam. Danke.

    30 Tage sind schon ein gutes Stück, herzlichen Glückwunsch. Ich mag niemanden mit klugen Ratschlägen behelligen, was auf dem Weg unbedingt zu beachten sei. Nein.. jeder macht das mit sich selbst aus und findet die Dinge, die ihm/ihr am besten tun. Es gibt kein Patentrezept. Aber ich verspreche: der Suchtdruck wird weniger und das Nüchtern sein lohnenswerter.

    Schreib mir gern, auch einfach nur so. Du weißt schon: Verbündete!

    Ich wünsche dir eine weiterhin gute Reise und freu mich, dass wir uns hier getroffen haben.
    Alles Liebe Eliza

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  3. Geli

    Liebe Eliza,

    Ich wollte Dir kurz Danke für Deinen Blog sagen. Du weisst ja selbst, wie wichtig es ist, dass man sich nicht alleine fühlt. Wenn ich Dich lese, erkenne ich mich in so unglaublich vielem wieder. Oh ja, wir funktionierten trotzdem immer so gut!

    Ja, ich schreibe in der Vergangenheitsform…denn endlich scheint es bei mir KLICK gemacht zu haben. Bin kurz vor dem Tag 30 und… nach vielen Versuchen davor … empfinde ich es nicht als Verlust.

    Natürlich gibt es diese Tage…ich weiss ja mittlerweile, dass Du die auch kennst:)
    Aber sie gehen vorbei.

    Ach, ich möchte Dich jetzt gar nicht so zutexten. Ich dachte mir nur, dass Du wissen sollst, dass Dein Blog auch anderen hilft. Obwohl Du ja hauptsächlich für Dich schreibst.
    Warum findet man so Menschen, die man so schrecklich gerne kennenlernen würde, immer nur in Blogs, Podcasts oder Büchern?
    Vielleicht, weil man sich nur da öffnet? Und im Alltag Angst hat, sich verletzlich zu zeigen? Was wäre es für ein Verlust, wenn Du nur ein paar Minuten von mir entfernt wohnen würdest und ich das nicht mal wüsste!

    Aber so ist das Leben halt…und ich bin nicht anders. Immer schön stark sein und lieb und schlank und und und.

    Ich weiss, dass Du inzwischen schon lange keinen Alkohol mehr trinkst. Und nicht so oft schreibst. Das ist toll, denn es heisst, dass Du normal leben kannst.
    Ich freue mich trotzdem, ab und zu von Dir zu hören.

    Alles Liebe
    Geli

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