Tag 462 – zurück zur Pflicht

Hallo ihr Lieben,

erster Tag im neuen Arbeitsjahr und ich bin eher mäßig motiviert. Die vergangenen zwei Urlaubswochen waren so wunderbar ruhig und stressfrei. Trotz Weihnachten, was mich sonst per se ja schon immer sehr nervös macht. Aber dieses Mal: geringe Erwartungen an meinen Perfektionismus, keine Großfamilie in zu kleinen Räumen, wenig Planung. Kochen, essen, schlafen, lesen, spazieren gehen, Filme schauen, reden… und bei all dem viel Zeit nehmen.
Um so schwieriger der Neustart in den Arbeitsrhythmus. Aber die Kollegen wieder zu sehen und mit jedem kurz zu plaudern, ist ja auch schön. Sie sind immerhin ein Großteil meiner wenigen sozialen persönlichen Kontakte in diesen reglementierten Zeiten.
Spanend ist, dass Alkohol in den Gesprächen immer wieder eine Rolle spielt: das ruhige Silvester und wie wenig auf Grund der Beschränkungen seit Corona getrunken wird. Mangels Geselligkeit. Weil die ja gerade wegfällt. (Für Süchtige ist der Lockdown eine noch mal andere Situation. Da ist fehlende Geselligkeit gar nicht das Thema.) Einem Kollegen gegenüber erwähnte ich daraufhin, dass ich keinen Alkohol tränke. Auf diese Aussage kommen in den meisten Fällen erstaunte Rückfragen: Warum denn nicht? Dieses Mal habe ich einfach geantwortet, ich hätte in meinem Leben einfach schon genug getrunken. Er schmunzelte und nickte und dann war das Thema erledigt. Ich denke, die meisten Menschen, die mich kennen – egal wie gut – trauen mir Alkoholmissbrauch und Sucht gar nicht zu. Die Situation war ein bisschen so wie „Oh, du verzichtest auf Zucker, Fleisch, einen Fernseher…“ Als wäre Verzicht auf Alkohol normal. (Schön wärs’s.) Irgendwie doch ein gutes Zeichen, oder?

Virtuell bin ich mittlerweile in zwei Selbsthilfegruppen angemeldet, deren Mitglieder sich mit dem Thema Alkohol auseinandersetzen. Über die eine Gruppe habe ich hier anfänglich bereits kurz erzählt. Sie hat mir in den ersten Monaten meiner Nüchternheit viel Halt gegeben, weil ich dort Gleichgesinnten begegnet bin. Frauen und Männer, die gleich mir am Anfang eines Weges ohne Alkohol standen. Nur wenige in der Gruppe waren bereits über Jahre trocken. Die Gruppe war neu, die Mitglieder hoch motiviert, die Admins auch. Irgendwann ist der Tenor in den Posts gekippt. Der Ton wurde… ich weiß nicht. Anders. Konstruktive Kritik wurde schwierig und schneller falsch verstanden. Die Admins wandelten das Konzept der Gruppe, viele der „alten“ Mitglieder verließen die Gruppe, und für viele der neuen steht eher der „sober lifestyle“ im Fokus. Übersetzt bedeutet dies ja nichts anderes als ein „nüchterner Lebensstil“ und nüchtern ist mein Weg und soll mein Leben sein. Aber nicht militant meiner Umwelt gegenüber. Das schreibe ich aus gutem Grund:

Kürzlich las ich in der Gruppe den Beitrag eines Mitglieds, das eine Begegnung im Supermarkt beschrieb. Er hatte einer Frau auf deren Bitte hin eine Flasche Glühwein aus dem obersten Regal gereicht. Die Frau war zu klein, um das selbst zu tun. Eine nette Geste, ein kleiner Gefallen, meint man. Aber nein. Das Mitglied beschrieb, dass er die Frau an Ort und Stelle lieber über die schädlichen Einflüsse von Alkohol aufgeklärt hätte, es aber nicht getan habe, weil er nur noch Menschen retten wolle, die gerettet werden wollten. Mooooooment, war mein erster Gedanke und ein schales Gefühl beschlich mich. Eine Flasche Wein weiter zu reichen löst schon eine moralische Diskrepanz aus?
Der Post entwickelte sich unschön weiter. Es wurde über die „junge hübsche“ Frau gelästert und gemutmaßt, sie habe den Wein ja nur für sich gekauft und würde den auch austrinken. Zum einen: Na und? Nicht jeder, der mal ein Glas Wein trinkt, hat ein Suchtproblem. Zum anderen: Niemand kannte die Frau. Vielleicht war die Flasche nur ein Geschenk für jemanden? Ich war so wütend über so viel Selbstgerechtigkeit, per se erstmal Alkoholmissbrauch zu unterstellen.
Bedeutet sober lifestyle dann, sich über andere zu erheben, die süchtig sind und den Weg daraus (noch) nicht geschafft haben? Oder jeden zu maßregeln, der überhaupt Alkohol trinkt oder gar nur kauft?

Es soll nicht falsch verstanden werden: Mir ist bewusst, dass wir gesellschaftlich massiv von Alkokol umgeben sind und über alle mögliche Faktoren davon beeinflusst werden. Schlimmer als jede Zigarettenwerbung früher als die noch gang und gäbe war. Die scheinbare Normalität des Alkoholkonsums muss in Frage gestellt werden und bleiben. Er ist wie Nikotin und Zucker ein schädlicher Stoff.

Mich erinnerte die Diskussion in der Gruppe aber an militante (daher der Begriff) Nichtraucher, die es irgendwann geschafft haben, vom Glimmstengel loszukommen und danach null Toleranz mehr für andere Raucher haben und das auch unschön äußern. Sich unmittelbar neben einen Raucher stellen, weil es sich „da so schön quatschen lässt“, aber dann die Nase rümpfen, hektisch den Rauch mit beiden Händen wegwedeln oder demonstrativ an den eigenen Klamotten schnüffeln, um zu prüfen, ob sich der Geruch in den Kleidern verfangen hat. So Sachen. Wo bleiben Toleranz, Empathie und Sachlichkeit?

Wenn ich etwas nicht mag, kann ich selbst aus der Situation gehen statt dem Gegenüber zu suggerieren, er müsse sein Verhalten für mich ändern. Das bedeutet nicht, dass ich anderen nicht Grenzen setzen darf, wenn diese (meine) überschritten werden. Und ja, ich darf mit Menschen, die mir am Herzen liegen oder mich um Hilfe bitten, über deren mögliches Suchtverhalten reden und ihnen raten. Ich kann über meinen Weg sprechen, aber niemandem vorschreiben, welchen er zu nehmen und wie schnell er ihn zu gehen hat.

In der FB-Diskussion wurde dann ein weiteres Beispiel herangezogen. Dass man Veganer auch nicht bitten dürfe, an jemanden eine Wurst weiter zu reichen… Wie absurd. Überspitzt könnte ich daraus interpretieren: ein Nichtraucher, der aufgehört hat, darf einem Raucher keine Zigarettenschachtel übergeben; ein Mensch, der sich zuckerfrei ernährt, darf von einem übergewichtigen nicht gebeten werden, eine Süßigkeit aus dem Regal zu holen. Weil das Vorurteil lauten könnte „Zucker ist ungesund und macht dick. Sieh dich an. Iss besser Gemüse als Zucker.“

Es ist schwierig in Worte zu fassen, was genau mich an der Situation so getriggert hat: die scheinbare Überheblichkeit, die Vorurteile oder die Abwertung? Ich erinnere mich an Situationen, die mir passiert sind: „Wie jetzt? Du rauchst?“ (als ich es noch tat) und der dabei angeekelte Blick des Gegenübers. – Im Supermarkt an der Kasse der Mann hinter mir als ich die Schachtel Zigaretten auf das Band lege: „Rauchen kann tödlich sein.“ (Ich antworte spontan: „Kann. Muss aber nicht.“) – Im Gespräch über die Herkunft: „Was, du kommst aus dem Osten? Oh, ihr hattet ja nichts.“ (Doch, ich hab sogar Abitur.) – „Hm, Sie sind also geschieden, alleinerziehend und aus dem Osten?“ Dann langes Schweigen. … Die Liste ließe sich unendlich fortführen.

Ich mag es nicht. Vorurteile. Schubladendenken. Reglementierungen. Ab-Wertungen.

Meine Meinung habe ich übrigens auch unter die Beiträge gepostet. Viel Verständnis kam da nicht.

Für heute wieder alles Liebe
Eliza

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