Tag 466 – näher hinschauen

Hallo ihr Lieben,

Freitag, Wochenende. Die Müdigkeit überollt mich wie ein Expresszug, ich sitze gähnend am Küchentisch und reibe mir meine brennenden Augen. Aber vorher mag ich noch etwas schreiben.
Mein Lieblingsteetasse im Büro hat heute einen dicken Riss bekommen – sie ist mir aus der Hand gerutscht und zu hart auf dem Tisch aufgeschlagen – und war nicht mehr zu retten. Eigentlich eine ziemlich kitischige Tasse von Karls Erdbeerhof an der Ostsee: dickbauchig, mit knallroten dicken Erdbeeren an den Seiten und glasiert.

Im Grunde recht kitschig, aber für mich eine Urlaubserinnerung. 2017 war ich mit meinen Kindern für ein paar Tage in einer Ferienwohnung an der Ostsee in Graal Müritz. Das erste Mal überhaupt, dass wir vier gemeinsam verreist waren. Unbeschwerte Tage? Eher nicht. Aber trotzdem recht unkonventionell. Die drei Geschwister saßen bis in die frühen Morgenstunden zuammen auf der Terrasse und hatten endlich mal Zeit füreinander. Rauchend, trinkend, kichernd. Ich dagegen schlich zeitig ins Bett. Meistens gut angetrunken.
Auf Karls Erdbeerhoffeldern pflückten wir körbeweise die süßen Früchte und aßen die, mit noch jeder Menge Zucker drauf für noch mehr Aroma, als Nachtisch und in einer Bowle. Ich erinnere mich: morgens war ich als Erste wach und schlich durch die Ferienwohnung. Die Jungs hatten das Schlafsofa im Wohnraum ausgezogen und sich unter den Decken vergraben; also klapperte ich nebendran möglichst leise mit Wasserkocher und Kaffeetasse. Zum Brunch am Mittag, wenn endlich alle aufgestanden waren und zersaust durch die Zimmer tapten, hatte ich schon mindestens ein bis zwei Gläser Bowle getrunken und war in meinem ureigenen Kosmos unterwegs.
Ich könnte nicht mehr sagen, was wir alles unternommen haben zu viert. Worüber wir sprachen, was passiert ist. Es ploppen nur Fragmente auf. Mini-Golf, Strand, Rostock im Regen, Essen gehen und meine Tochter in seelischer Not. Das habe ich nicht vergessen: Ich hole sie vom Bus ab und wir machen Halt in einem kleinen Supermarktcafè. Sie redet stockend von der psychischen Gewalt, dem Druck, der Erpressung, den Schuldgefühlen, denen sie bei ihrem Freund ausgesetzt ist. Er ist krank: zu viel Alkohol, schwere Depressionen, körperliche Beschwerden. Ärztliche Hilfe lehnt er ab, er ist nicht versichert. Noch nicht mal offiziell als Sozialfall registriert und bekommt keinen Cent Geld. Das lässt sein Stolz nicht zu.
Mein Kind ist so zerrissen zwischen Pflichtgefühl, ihm helfen und für ihn da sein zu wollen und dem Wissen um den eigenen Untergang, wenn sie sich nicht ablöst.
Ich erinnere mich wie geschockt ich bin über das Ausmaß (das sie sicher nur in Bruchstücken preis gibt) der Umstände, denen sie ausgesetzt ist. Mein kleines Mädchen sitzt mir so zart und blass gegenüber und weiß nicht weiter. Sie ähnelt mir in Vielem: andere nicht um Hilfe bitten, vertraute Menschen in der Not nicht hängen lassen zu wollen. Bis zur Selbstaufgabe. Ist das vorgelebt oder vererbt?
Ich kann nur eins tun und versichere ihr, dass meine Tür immer für sie offen stünde in der Not. Wenn sie sich trennen wollte und nicht wüsste wohin. Wenn sie Hilfe bräuchte, seien wir Eltern immer für sie da. Jederzeit. Bedingungslos. – Ein Jahr später nimmt sie das Angebot an und flüchtet mit nur einem Rucksack zu mir.

Die zerstörte Erdbeertasse ist als mehr als eine kitschige Urlaubserinnerung und es ist seltsam, sie in den Abfall zu werfen. Meine schmerzhaften Erinnerungen lösen sich in einer Welle von Traurigkeit auf.

In Liebe
Eliza



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