Einer trage des anderen Last?

Unser eigenes Leben hat den imaginären Seesack, den wir immer mit uns schleppen, prall gefüllt mit Erfahrungen, Belastungen, mit Schmerz und Sorgen, die bleiben.
Die schönen Erinnerungen sind kaum spürbar im Gewicht. Ein anderer Mensch kommt daher, mit eigenem Gepäck und möchte ein Stück – vielleicht ein langes oder für immer? – des Weges mit uns gehen. Wir sind nicht für die Einsamkeit gemacht; allein zu bleiben ist meist eine bewusst gewollte Entscheidung. Dennoch wählen wir mit Bedacht unsere Wegbegleiter aus. Gemeinsam durch das Leben zu reisen erfordert Mut, Vertrauen, Zuversicht, Rücksichtnahme und Offenheit. Liebe ist nichts für Feiglinge.

Anfänglich sind wir überschwänglich vor Glück, und der Seesack trägt sich wie eine Traube Helium gefüllter Ballons an einer dünnen Schnur. Wir bräuchten nur die Hand zu öffnen und könnten die Vergangenheit einfach davonfliegen lassen, glauben wir. So gern möchten wir loslassen. Letzten Endes trauen wir uns nicht. Die Schnur verbindet uns mit unserer Geschichte. Die lässt man nicht einfach los. Und sie uns sowieso nicht. Mit jedem Meter des Weges, mit jedem Tag und jeder Nacht, die wir gemeinsam unterwegs sind, lernen wir unseren Gefährten besser kennen. Wir reden. Wir schweigen. Wir sehen uns an und prüfen uns. Was verbindet uns? Wir holen vorsichtig einige Geschichten aus unserem Gepäck und geben sie preis. Zuerst die lustigen: Wie toll, wie witzig, wie abenteuerlich wir doch sind. Als nächstes die, in denen wir klug und weise, engagiert und sozial erscheinen. Wir beeindrucken uns.
Die wirklich schweren Brocken mit den wirklich schlimmen Erfahrungen, die im Seesack ganz unten liegen und die eigentliche Last sind, möchten wir am Allerliebsten los werden. Uns endlich erleichtern. Doch wir zögern. Warum? Weil wir die Last nur umverteilen und ein großes Stück davon dem Anderen aufbürden würden. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es. Doch das Halbe geht auf den Anderen über. Wir wissen nicht, ob der andere es schultern kann. Ob noch genug Platz in seinem Gepäck, noch genug Kraft in seinem Herzen, seiner Seele, seinem Kopf ist für fremde Sorgen. Darum prüfen wir uns mit Fragen und Nähe, in Situationen und Einstellungen. Wenn wir uns sicher fühlen, offenbaren wir uns. Manchmal dauert es, bis eine Reaktion einsetzt. Erst geschieht nichts. Nur Erstaunen, dass anderer Sorgen anders sind. Anders schwer, anders anstrengend, immer belastend. Dann ein Straucheln des Gefährten ob des neuen Gewichts. Was tun? Aus der Ferne zusehen und abwarten, ob er sich wieder fängt? Hinzueilen, um zu stützen? Argumentieren, dass die Last bald erträglicher würde? Wie gehen wir selbst mit dem Packen um, der uns plötzlich zusätzlich aufgebürdet wird? Zähne zusammen beißen und trotzdem lächeln? Tief durchatmen, annehmen und schwereren Schrittes weitergehen? Schweigen? Jeder geht damit anders um, jeder hat andere Erwartungen an den Gefährten: Wir beobachten uns. Enttäuschung setzt ein, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn der andere – in unseren Augen – nicht stark, nicht tapfer, nicht gelassen, nicht einfühlsam genug auf die fremden, auf unsere!, Sorgen reagiert, beschleichen uns Zweifel: Ist er als Gefährte gut genug für uns? Oder wir fragen uns: Kann ich ihm das antun? Oder: Will ich mir das antun? Seelischen Ballast zurücknehmen oder zurück geben geht nicht. Oder doch: Mit einer Trennung. Auseinander gehen heißt auch, sich eines Teils der fremden Seelensorgen wieder zu entledigen. Sie zu vergessen. Was geht mich fremdes Elend an?
Ich weiß: Ich hätte es mit dir mitgetragen. Ich bin stark. Zumindest wollte ich es für dich versuchen ein ganzes langes Stück des Weges. Du hast das nicht zugelassen. Du möchtest mir nichts aufbürden, du bist zu anständig. Ich kann dich nicht mit Worten überzeugen, und vor einem Probelauf fürchtest du dich. Du hast Angst vor Enttäuschung. Ich habe dir mein Herz ganz weit geöffnet. Mich preis gegeben. Es hat nicht gereicht. Ich muss dich alleine weiterlaufen lassen. Ich sehe dir nach wie du dich von mir entfernst. Du weinst. Ich kann dir nicht helfen. Und es tut unglaublich weh. Ich verschließe mein Herz wie eine Auster.

* aufgeschrieben 2016

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