Guten Morgen, ihr Lieben.

seit über 15 Jahren pendele ich regelmäßig vom Münsterland ins Leipzger Land. Von der A 30 bis Bad Oyenhausen, über die A 2 Richtung Berlin und in Magdeburg auf die A 14 bis Leipzg. Dort liegt meine alte Heimat und wohnen Familie und zahlreiche Freunde. Etwa 450 Kilometer Autobahn plus ein bisschen Bundesstraße. Viel Zeit zum Nachdenken.

Bei meiner Osterheimreise ist es mir wieder aufgefallen: Ich verknüpfe gerade auf dieser Strecke ganz viele Orte und Rastplätze mit so vielen Erinnerungen aus meinem Leben, die nicht unbedingt schön sind. Ich reise quasi jedes Mal in die Vergangenheit, wenn ich in die Heimat fahre.

2005 erkrankt mein jüngster Sohn an einer Hirnhautentzündung und ertaubt daran. Sein Vater und ich sind zum dem Zeitpunkt längst in der Planung, aus Berlin (er) und Leipzig (ich) im Münsterland nun endlich zusammenzuziehen und eine Familie zu sein. Gekündigte Wohnungen, angemeldeter Kindergartenplatz, organisierte Umzüge und sonstige enorme logistische Vorbereitungen. Stattdessen nun Notaufnahme, wochenlange Klinikaufenthalte in Dresden, zweifache Operationen und viele Rehas. Dazwischen: ein improvisierter, hektischer Umzug in das neue Domizil im Münsterland und ein stetiger Spagat zwischen Hier und Da. Die Fahrerei wird zur Gewohnheit und die A 2 zur Zitterpartie von Dauerbaustellen.

Im Februar 2006 – an einem Donnerstagmorgen kurz vor 8 Uhr – erreicht mich ein Anruf meines Vaters: Mein ältester Sohn, damals 17 Jahre alt, hatte einen schweren Verkehrsunfall auf dem Weg zur Arbeit und würde nun in der Leipziger Uniklinik notoperiert werden, sagt mein Vater. Ich melde meinen kleinen Sohn für die kommenden Tage aus dem Kindergarten ab und rufe im Gymnasium meiner Tochter an, um auch dort Bescheid zu geben. In der vierten Stunde schreiben sie eine Englischklassenarbeit; dafür hat sie ewig gelernt. Ich bitte die Lehrerin, meine Tochter diese Arbeit unbelastet mitschreiben zu lassen und ihr erst im Anschluss zu sagen, dass ich sie danach aus der Schule abholen würde. Wir werfen hektisch unsere Klamotten ins Auto und stellen den Käfig mit dem Meerschweinchen in den Fonds des Beifahrersitzes. Mein Partner ist auf Dienstreise und kommt erst Tage später zurück.
Auf der A 14 müssen wir an der Raststätte Plötzetal pausieren. Die Kinder haben Hunger und ich brauche eine Zigarette. Meine Tochter steht unter Schock und Tränen fließen. Ich tröste sie so gut ich kann und versichere ihr ohne es besser zu wissen, dass alles gut wird. Dann rufe ich wieder meine Eltern an und frage nach Neuigkeiten. Mein Sohn ist noch im OP, ich könne nichts tun. Bis Leipzig brauchen wir noch eine Stunde Fahrzeit. Unsere innere Unruhe ist selbst im Auto greifbar.
Als wir ankommen, liegt mein Sohn im Aufwachraum und ich darf zu ihm. Dort liegen einige Patienten und mein Blick wandert suchend von Bett zu Bett. Er hebt seine Hand und nur mühsam erkenne ich unter dem geschwollenden Gesicht und den Verbänden mein Kind.

Ein reichliches Jahr später rase ich mit Tempo 160 km/h über die Autobahn Richtung Heimat. Mein Vater hatte in der Nacht einen Kreislaufzusammenbruch und musste vom Rettungswagen geholt werden. Wieder ist die Uniklinik Leipzig mein Ziel. Am ersten Parkplatz halte ich kurz an und gebe meiner Freundin Bescheid, dass ich auf dem Weg bin. Drei Stunden später telefoniere ich erneut mit meiner Mutter. Ich möchte wissen, wo wir uns in der Klinik verabreden. Sie antwortet ganz ruhig. „Komm erstmal zu uns nach Hause. Wir treffen uns da.“ Ahnungslos fahre ich weiter. Am Schkeuditzer Kreuz klingelt mein Handy und ich lese den Namen meines Partners. „Fahr mal bei nächster Gelegenheit auf einen Parkplatz“, bittet er mich eindringlich und ich spüre eine kalte Hand meinen Nacken umfassen. Zittrig und aufgelöst rase ich auf der linken Spur und suche den Hinweis auf einen Parkplatz. Der nächste liegt kurz vor meiner eigentlichen Zielabfahrt und heißt Birkenwald. Mit quietschenden Reifen komme ich dort quer auf einer Parkfläche zum Stehen. Niemand sonst ist mit mir hier. „Dein Vater ist tot“, eröffnet mir mein Partner. Er habe kurz zuvor mit meiner Mutter telefoniert.
Ich kann das nicht glauben und weiß nun aber, warum sich meine Familie nicht in der Klinik trifft. Er legt auf, und ich starre wie paralysiert ins Leere. Dann rufe ich einen guten Freund an. „Mein Vater ist tot“, höre ich mich ins Telefon sagen und fange an zu schluchzen. Ich habe das Unfassbare laut ausgesprochen und nun wird es langsam greifbar. Bis zur Wohnung meiner Eltern muss ich noch 25 Kilometer Bundesstraße fahren. Rasen ist nun nicht mehr nötig, ich komme so oder so zu spät. Also zuckele ich im Schneckentempo als Verkehrshindernis in Richtung Heimatkleinstadt und heule dabei Rotz und Wasser. Nach Hause kommen wird nun nie wieder das Gleiche sein.

Die Liste ließe sich unendlich fortführen: die imaginäre Grenzlinie in Helmstedt/Marienborn und das gruselige Gefühl, wenn ich die früheren Grenzanlagen sehe und passiere; der breite Seitenstreifen auf der A 14, auf dem ich nach einem Reifenplatzer bei Tempo 140 unbeschadet zum Stehen komme; die Abfahrt Bissendorf, wohin wir jahrelang zur Reha pendeln. Stundenlange Staus, Beinahunfälle mit ausscherenden Lkw und eine Auffahrkollision beim Stop-and-drive… fast alles fällt mir unterwegs wieder ein.

Trotzdem macht es mir nichts aus, auf diesen Straßen zu fahren. Meistens ist das die beste Zeit, um mal in Ruhe miteinander zu reden oder – wenn ich allein im Auto bin – stundenlang CD zu hören und das Radio unerhört laut zu drehen.

Ich wünsche euch einen schönen Tag

In Liebe
Eliza