Tag 17 – Versuchungen

5 Uhr morgens

Liebe Welt,

gestern bin ich das erste Mal seit meiner alkoholfreien Zeit in Versuchung geführt worden: Bei einer Preisverleihung wurde Aperitif gereicht. Natürlich, denn wir haben uns in einer Schnapsbrennerei getroffen. Ich hätte damit rechnen können.
Kurz erschrocken (Bin ich zurückgezuckt wie der Teufel vor dem Weihwasser? Haha.) habe ich dankend (und spontan) abgelehnt. Das wäre mir noch vor drei Wochen nicht passiert, trotz dem ich mit dem Auto da war. Denn ich liebe genau diesen Aperitif. Eine Mischung aus süßem Waldhimbeerlikör, aufgefüllt mit Sekt. Süffig und unglaublich lecker. Leider war diese Sorte Alkohol für mich immer recht tückisch: Ich genoß das erste Glas immer wie den ersten Löffel einer leckeren Eissorte und war danach nicht mehr zu bremsen. Ein zweites und drittes Glas wurde geleert, sukzessive der Anteil des hochprozentigeren Likörs im Verhältnis zum Sektauffüller erhöht. Je süffiger, je leckerer… Ratzfatz war ich betrunken, weil ich kein Maß (und keinen echten Genuß) mehr fand. Geht mir mit Eis ähnlich. Da habe ich schon ganze Kilopackungen auf einmal verputzt, weil ich einfach diesen Moment der süßen schmelzenden Kälte auf meiner Zunge, in meinem Mund, ewig verlängern wollte. Nicht aufhören können – ein typisches Merkmal für Süchtige, egal welcher Art.

Alkoholabhängig zu sein bedeutet nicht zwangsläufig, immer betrunken zu sein, stetig Alkohol im Blut zu haben, vor Verzweiflung auf der Suche nach dem nächsten Schluck nach dem Mundwasser zu greifen oder am Morgen zittrige Hände zu haben. Die Liste der Stereotypen ist lang wie es verschiedene Suchttypen gibt.

Ich denke, ich gehöre in die Gruppe der „hochfunktionalen Alkoholikerinnen“. Ich bin, nein , ich war die, die morgens mit einem Kater aufwachte, wenn am Abend zuvor der Pegel überschritten worden war. Dann wäre ein Glas Wein oder änliches als Gegenmittel undenkbar gewesen. Meistens schwor ich mir an solchen Morgen eher „Nie wieder trinken!“ und hoffte, dass der Tag schnell vorbei ginge. Dann fuhr ich (sicher oft mit Restalkohol im Blut) mit dem Auto zur Arbeit und musste mich dem gnadenlosen Tag stellen. Der nahm null Rücksicht auf mich.
Ich habe einen anspruchsvollen Job; muss viel telefonieren und kommunizieren, manchmal kompliziert und in mehreren Sachfragen parallel (und schnell) denken, Termine einhalten, Konzepte schreiben und vieles mehr. Ich bin mir sicher, dass niemand in meinem Umfeld auf die Idee käme, mich mit einem Alkoholproblem in Verbindung zu bringen. Die Familie schon…

Ich wünsche euch einen wunderbaren hoffnungsvollen Tag

in Liebe
Eliza

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