Guten Morgen, liebe Welt,

Montagmorgen. Beinahe sechs Wochen nüchtern und dafür bin ich sehr dankbar. Denn es gab am Freitag eine sehr brenzlige Situation, die mich sehr nah an den Rückfall gebracht hat. Gut, dass ich nicht mehr ganz frisch am Anfang des Weges stehe und gut, dass ich mich hier (und in vielen Gedanken) schon intensiv mit mir und meinen Gründen zu trinken auseinandergesetzt habe. So erkenne ich Trigger-Momente schneller und kann so gut es geht gegensteuern.

Ich bin am Freitag Opfer eines klassischen Männermachtspiels gegenüber Frauen geworden und habe mich darüber unglaublich geärgert, war enttäuscht und frustriert. Frauen haben in leider noch zu vielen Entscheiderköpfen nicht das Recht auf angemessene Bezahlung für harte Arbeit.  – Ich habe vor einem Jahr im öffentlichen Dienst mit einer Stelle angefangen, die es bis dato in der Verwaltung nicht gab und die quasi aus mehreren Aufgabenbereichen zusammengestrickt wurde. Die Einstufung in die Entgeltgruppe erfolgte seitens des Arbeitgebers aus dessen Gutdünken und meiner Berufserfahrung. Nach einem Jahr ist nun nachweisbar, in welchem Umfang , Intensität und Verantwortung die Aufgabenbereiche zu erfüllen sind und das ist eine Menge. Das Tarifrecht ermöglicht hier eine Überprüfung und Neubewertung der so genannten Tätigkeitsmerkmale und eine Einstufung in eine andere Entgeltgruppe auf Grund der tatsächlich zu erfüllenden Aufgaben. Auch rückwirkend für sechs Monate, wenn die Tätigkeiten ab Beginn so umfänglich waren. Kann ich ja nachweisen.

Also habe ich einen entsprechenen Antrag gestellt. Nach nur einer Woche erhielt ich am vergangenen Feitag einen überaschenden Termin beim Chef. Sein Auftritt war hanebüchen. Kurze Sequenzen: „… der Antrag wird von mir abgelehnt, … Sie sind erst ein Jahr hier, ich kann Sie nicht beförden; …. Sie vedienen schon mehr als andere hier; … Sie hatten doch im Job davor weniger Gehalt; … fragen Sie in einem Jahr noch mal nach; …. wollen Sie das schriftlich beschieden haben oder können wir das Ganze so unter uns regeln; …. aber falls Sie einen anderen Job in Aussicht haben und zusagen wollen, reden Sie vorher mit mir…“ Und zum Schluß: „Ich hoffe, ich habe ihnen nicht das Wochenende verdorben.“. Mit diesen Worten schob er mir den Antrag samt Umschlag über den Tisch zurück. Das ist nur ein kurzer Auszug aus dem Gespräch, aber so typisch. Unwissenheit gegenüber der Rechtslage gepaart mit Selbstherrlichkeit und Herrschaftsgehabe. Dazu das unterschwellig vermittelte Gefühl, ich hätte einen Fehler gemacht, den er mir generös verzeiht, in dem wir das stillschweigend und mündlich „unter uns“ regeln.

Der Tag war für mich gelaufen. Ich hätte nie gedacht, dass mich eine solche Abfuhr so demotiviert. Oder dieses Unrecht. Diese Unverschämtheit. Ich behaupte, ein solches Gespräch hätte es mit einem Mann an meiner Stelle nicht gegeben.
Ich fiel buchstäblich in ein richtig tiefes Loch und wollte nur eines: ganz viel Wein trinken und schlafen und verdrängen. Gefahrenstufe 5, würde ich einschätzen. Aber ich habe meinen Trotz aktivuiert: dieser Typ sollte nicht Auslöser für einen Rückfall sein und meine schon bewältige Wegstrecke nichtig werden lassen. Ich stopfte mich statt Alkohol zu trinken mit Unmengen von Keksen voll, um das Verlangen zu bändigen. Und mein Freund stand überraschend vor der Tür, weil er meine Frustation mitbekommen hatte. Glück gehabt.

Am vergangenen Wochenende habe ich mich gewappnet: sachliche Argumente gesammelt, mit Freunden gesprochen, die im Tarifrecht fachlich versiert sind und meine Strategie geplant. Die Ablehnung mit Begründung schriftlich einfordern, den Widerspruch ankündigen und später auch einzureichen, den Personalrat zu informieren und eben nicht klein beizugeben. Es geht nicht um mehr Gehalt oder nicht, sondern um geltendes Recht, einen Anspruch auf eine realistische Stellenbewertung zu haben.

Ich weiß, dass ich mich damit unbeliebt mache und dass es hart werden kann. Aber ich bin gut vorbereitet.

Während meiner Therapie vor einigen Monaten bekam ich zum Ende der Zeit eine Hausaufgabe mit. Ich sollte mir ein Haus vorstellen, mein Lebenshaus. Bunt, verrückt, skurril, was und wie auch immer; mit einem Garten davor und einer Abgrenzung drumrum. Der Zaun sollte eine verschliessbare Tür haben. In meinen Garten durfte ich (virtuell) mir liebe und genehme Mitmenschen bitten. Ihnen die imaginäre Pforte öffnen und sie hereinbitten. Das Innere meines Hauses war nur für engste Vertraute, den Partner, die Freundin, die Familie vorgesehen, da privat und sogar Intimsphäre.
Der Sinn hinter der Geschichte ist der: Abgrenzung. Menschen, die uns nicht gut tun oder die wir nicht privat um uns haben möchten, vor dem Zaun, der Mauer stehen zu lassen und nur mit diesem Abstand dazwischen mit ihnen zu kommunizieren. Selbst zu entscheiden, wen ich wie lange hereinbitte in meinen Garten und gut zu überlegen, wer sogar mein Haus betreten darf.
Ich habe dieses Haus gezeichnet und mit den buntesten Farben ausgemalt. Das war die Hausaufgabe. Dabei ist mir ein fataler Fehler (Freud?) unterlaufen: Ich habe die Pforte in der Mauer vergessen und somit gab es für niemanden die Möglichkeit, in meinen Garten zu gelangen. Auch nicht auf Einladung… Das hat mich sehr beschäftigt.
Später schnitt ich kurzerhand mit einer Schere eine Tür in die Mauer und war stolz, mein Versäumnis so gut gelöst zu haben.

Seit ich nicht mehr trinke und klarer sehe, ist mir mit Erschrecken noch etwas an dem Bild aufgefallen: Auch die Eingangstür zu meinem Haus, in mein Inneres, lässt sich nicht öffnen. Genau so ist es: Ich mag niemanden zu nah an mich heran lassen, um nicht verletzt zu werden. Anderen zu vertrauen, wenn es um mich geht, fällt mir unglaublich schwer.

Ich schaue dieses Bild oft an und dann frage ich mich, wann ich die Schere in die Hand nehmen und die Tür öffnen werde.

Habt einen guten Tag.
In Liebe
Eliza