Tag 46 – Was wir sind

Guten Morgen, liebe Welt,

heute bin ich seit 3 Uhr wach. Gedanken treiben mich um: Steht mir eine Trennung bevor? Wie sollte und könnte das mit uns anders und erfüllender weiter gehen? Seit vier Tagen haben wir keinen Kontakt, so lange wie nie zuvor. Es ist eine Art Kräftemessen: Wer ist sturer? Im Grunde kindisch. Aber ich fühlte mich aus dem Streit sehr verletzt, es war übergriffig und manipulativ und damit kann ich nie gut umgehen. Gebranntes Kind. Ich habe die Pause und die Distanz zum Nachdenken über uns genutzt. Wie wir uns kennengelernt haben, was uns so intensiv verbindet, was mir bei uns nicht gut tut. Ich bin sehr zerrissen: Er weiß, was ich gern anders hätte und kann (Er sagt „will“) mir das nicht geben. Aber das was ist, ist mir zu oberflächlich, zu gegensätzlich in unseren Ansichten und reicht mir für eine Zukunft nicht. Auch wenn ich ihn wahnsinnig doll liebe. Es macht mich unglücklich.

Es ist an der Zeit, das zu klären. Wir sollten reden und uns fragen, ob und wie es weitergeht. Da ist es wohl an mir, das Schweigen zu durchbrechen und den ersten Schritt zu tun.

Gestern habe ich eines der Bücher zu Ende gelesen. Timm Kruse „Weder geschüttelt noch gerührt“. Darin beschreibt er in einer Passage, wie er sich sieht: als AKU. Er leide an der Alkohol-Kontroll-Unfähigkeit und das sei ein Unterschied zu den harten Trinkern.
Die Bezeichnung „trocken“ und „Alki“/“Alkoholiker“ lehnt er für sich ab, weil das falsche Bilder im Gegenüber projeziere. Mich macht das nachdenklich. Im Grunde belügt man sich damit doch auch ein Stück weit, meine ich. Denn: Wer das Trinken nicht mehr kontrollieren kann, ist abhängig. Und das definiert das Krankheitsbild Alkoholismus. (Anzeichen: starkes Verlangen nach Alkohol, Kontrollverlust, Mengensteigerung, Entzugserscheinungen, Vernachlässigung von Interessen und Kontakten, fortgesetzter Konsum trotz negativer Folgen). Wer mit dem Trinken aufhört, ist trocken. Theoretisch ganz logisch, aber ich kann Timm Kruse auch verstehen. Könnte ich mich zu den AA setzen und laut aussprechen „Ich bin Alkoholikerin“? Im Moment nicht, nein. Dann möchte ich es auch gern umschreiben und mich „nur“ zur AKU bekennen.

Ich habe überlegt, wie sehr Alkohol Einfluss in meinem Leben hatte. Wann es gekippt ist in die Abhängigkeit. Es gibt viele Menschen, die bereits in frühester Kindheit mit dem Trinken in Berührung gekommen sind. Am Bier oder Wein der Eltern genippt, Schnapspralinen gekostet oder den Finger in Omas Eierlikör gestippt und abgeleckt haben. Und Gefallen fanden am Geschmack und dem wohligen Gefühl, das mit dem Alkohol durch den Körper rieselte. Daran kann ich mich für mich nicht erinnern.

Meine früheste Erinnerung setzt mit der Jugendweihe ein, als wir nach der Familienfeier alle von Haus zu Haus zogen und von den Eltern der Mitschüler sukzessive mit Likör abgefüllt wurden. Wir waren 13 und 14 Jahre alt. Später kamen die Disco, die Klassen- und Ferienfahrten dazu und das Ausprobieren in der Clique. Nach Schulschluss oder in Freistunden habe ich mit einer Freundin den selbst angesetzten Schnaps meines Vaters aus der Karaffe gesüffelt und die fehlende Menge mit Wasser aufgefüllt. Natürlich ist das irgendwann mit viel Ärger aufgeflogen. Wir haben uns mit billigem Fusel in Cola und Saft, süßem Wein, schwerem Wermuth, mit Asti-Spumante und klebrigen Likören gute Laune angetrunken und das war so normal. Geschmeckt hat mir nichts davon, aber es ging um das Dazugehören. (Ich war auch die späte Raucherin und bis dahin sogar angeekelt vom Zigarettenrauch meiner qualmenden Eltern. Aber irgendwann mit 16, als Letzte aus der Klasse, in der Disco, wollte ich es zumindest mal probieren. Nicht mehr nur die Brave sein. Dann bin ich daran bis 43 hängen geblieben.)

Alkohol zu trinken war Teil meines Erwachsen werdens. Aber trotzdem auch immer Teil meiner früheren Kindheit: Ich erinnere mich, dass mein Vater gern und viel gefeiert hat und dann musste Bier her und Weinbrand auf den Tisch. Vertragen hat er wenig; er veränderte sch mit jedem Schluck mehr zum redseeligen Alleinunterhalter, der sich nicht scheute, seine Familie, besonders seine Kinder auf deren Kosten zu opfern und vorzuführen. Unsere Sorgen und Ängste wurden lauthals ausgeplaudert, Geheimnisse, die wir ihm anvertraut hatten, belustigt in die Runde geworfen, Peinlichkeiten, für die wir uns Kinder sowieso schon genug geschämt hatten, amüsiert aufbereitet. Er fand das Ganze immer lustig. „Hab dich nicht so“, lautete seine Devise. Seine Entschuldigungen, nüchtern ausgesprochen, waren halbherzig und ohne Einsicht. Irgendwann habe ich aufgehört, mich meinem Vater anzuvertrauen, ihm überhaupt zu vertrauen. Ich habe ihm nichts mehr erzählt, Dinge für mich behalten, um nicht kurz darauf Gesprächsthema am Stammtisch zu sein. (Das habe ich mit meiner Mutter später ähnlich erlebt und wahrgenommen. Dass nichts vertraulich behandelt wurde. Auch ohne, dass Alkohol eine Rolle spielte.)

Als Erwachsene habe ich gern Alkohol getrunken; es war nicht mehr unbedingt so wahllos wie zu Jugendzeiten, sondern auserlesener und dann hat er mir geschmeckt. Das Glas Wein zum Essen, der Aperitif davor, der Absacker danach, mal ein Cocktail, etwas Sekt zum Anstoßen, der gute Weinbrand. Selten über die Stränge oder mit Kontrollverlust oder gar Filmriss. Moderates Trinken, möchte ich es nennen.
Anfang 2014 habe ich mich von meinem Mann getrennt und bin ausgezogen. Meine Mutter kam, um beim Renovieren zu helfen und jeden Abend beendeten wir erschöpft mit einer Flasche Wein. Als ich am Monatsende die Flaschen in den Container warf und spaßeshalber mitzählte, waren es über 30 Stück. Und ich wahnsinnig erschrocken. Das war der Anfang, glaube ich. Zumindest in meiner Wahrnehmung, die Kontrolle verloren zu haben. Danach wurde es immer schlimmer. Und ich immer verzweifelter. Wie in Treibsand: Je mehr du dich windest, um dich aus dem Sog zu befreien, um so tiefer zieht es dich hinab.

Aber jetzt geht es gut. Die Tage ziehen recht gleichförmig an mir vorbei und ich bleibe gelassen. An Alkohol denke ich weniger. Das Verlangen lässt nach. Ich bin voller Hoffnung.

In Liebe
Eliza

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