Tag 90 – zwischen den Jahren

Liebe Welt,

kürzlich las ich einen für mich sehr passenden Spruch, der meine aktuelle Stimmung sehr gut umschreibt: „Diese komische Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, in der du weder weißt, welcher Tag ist, noch wer du bist, noch was du mit deinem Leben anfangen sollst.“

Seit drei Monaten bin ich nüchtern und könnte mich engagiert in mein neues Leben stürzen. Oder zumindest das neue Lebensgefühl genießen. Aber nein, nix da. Alle Euphorie der ersten Wochen ist verflogen, die Energieschübe und der temporäre Tatendrang. Obwohl… ich war meistens sowieso auch sehr müde und erschöpft.
Aber jetzt: Theoretisch sollte man mit jedem nüchternen Tag stabiler werden und souveräner auf Alkohol verzichten können. Doch gerade jetzt lauert die gefährliche Zeit hinterlistig in kleinen Momenten: die Trinkzeit beginnt sich zu verklären und zu verharmlosen. „War doch gar nicht so schlimm, …so extrem, …andere konsumieren viel mehr…“ und „ein Schluck kann doch nun nichts mehr schaden, …zählt nicht als Rückfall, …dann kannst du doch wieder lange abstinent sein…“ und so weiter. Die anfänglich starken Argumente, warum es ohne Alkohol besser geht, verblassen. In der Erinnerung werden Momente wach, in denen das Glas Wein super gut getan haben. Eine Erlösung waren. Nun brauche ich eine neue Strategie, um nicht schwach und rückfällig zu werden. Noch mal die Bücher lesen? Meinen eigenen Blog von Beginn an?
Drei Monate habe ich recht gut ohne viel Suchtdruck bewältigt und fand das erstaunlich; jetzt strengen mich die Tage sehr an. Vielleicht liegt es an Weihnachten und dem emotionalen Stress, der hinter mir liegt. Vielleicht an der Zeit zwischen den Jahren, in denen alles und nichts möglich scheint. In denen wir die vergangenen Jahren resümieren und für gut, passabel oder schrecklich befinden und uns für die nächsten zwölf Monate neue Vorsätze auf den Zettel schreiben. Ende und Anfang. Abschluß und Neubeginn. In denen wir verzweifeln, weil alte Vorhaben misslungen sind und wir uns nun als Versager fühlen, oder uns vielleicht in Hoffnung wiegen, dass ab Januar alles besser wird und wir uns damit doch nur etwas vorgaukeln.

Früher habe ich mir zu Silvester alles Mögliche an Wünschen und Zielen auf ein Blatt Papier geschrieben und in einem Umschlag fest verschlossen, um ihn ein Jahr später zu wieder zu öffnen und zu schauen, was davon ich tatsächlich umgesetzt hatte. Es stand immer zu viel auf dem Zettel und immer nur ein Bruchteil war erfüllt. Logisch, aber es hat mich trotzdem deprimiert und ich bin daraus auch nicht klüger (oder verhaltener) geworden. Später habe ich alles für das kommende Jahr als to-do-Liste in meinem Kalender notiert, um den Überblick zu behalten. Fazit: nix besser.

Wünsche und Träume und Ziele zu haben ist wichtig, um sich vorwärts zu bewegen, meine ich. Aber…
Ich hatte mal ganz viele und ganz große. Solche für später, wenn ich … „mal Zeit habe“, „erwachsen bin“, „keine Kinder mehr m Haus sind“, „in Rente bin“, „Geld übrig habe“… usw. Ich wollte ein Buch schreiben, viel malen, ein Café eröffnen, für ein Jahr durch die Welt reisen… Die sind alle entweder längst verworfen oder liegen tief vergraben in einer Kiste auf dem imaginären Dachboden. Vielleicht hole ich einige davon irgendwann wieder ans Licht, puste den Staub der Jahre ab (oder den der Illusionen) und schau, ob ich diese Träume im Kleinen noch mal angehen mag. Denn zu große Pläne, die zu weit weg liegen oder zu unrealistisch sind, können auch bremsen und deprimieren, wenn sie nicht umgesetzt werden können. So ging es mir. Mit dem „Einlagern für später“ nehme ich mir enormen Druck. Ich muss niemandem etwas beweisen, mir schon gar nicht.

Zur Zeit bin ich um jeden Tag froh, den ich überhaupt gut bewältige. Das Tagesziel lautet: nicht trinken. Das ist schon eine Menge, auch wenn es gar nicht so schwer zu sein scheint. Und dennoch ist es einer der anstrengendsten Wege, den ich je gegangen bin.

In Liebe
Eliza

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