Guten Morgen in die Runde,

ich habe mich getrennt. Von Menschen und virtuellen Selbsthilfegruppen. Es war an der Zeit.

Es dauert bei mir eine lange Weile, bevor ich endgültige Entscheidungen treffe. Mich aus Beziehungen löse, den Job wechsele, Kontakte zu Menschen beende, Sachen wegwerfe oder in etwas investiere.
Es scheint, als müssten Entscheidungen erst wie Früchte in mir heranwachsen bis sie irgendwann überreif sind und quasi zu Boden plumpsen und etwas damit geschehen muss, bevor es unangenehm wird. Nicht so, dass mich Dinge und Situationen, die einer Entscheidung bedürfen, immer Tag und Nacht beschäftigen. Vieles läuft im Unterbewusstsein ab, aber wenn es soweit ist, bin ich intensiv zu gange, den richtigen Weg einzuschlagen und aktiv zu werden. Das Frappierende ist immer wieder, dass ich danach meistens Erleichterung und selten Reue verspüre. Vielleicht ein bisschen Wehmut, aber sonst… nö. Ich kann gut abschließen.

Oft führen mich äußere Impulse zu fälligen Entscheidungen. Wie der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, oder besser: der erste Tropfen, der eine Veränderung anstößt. Dieses Mal haben ein paar Sätze mein Handeln ausgelöst und meine Sichtweise beeinflusst.

„Entscheidungen sollten nicht aus der Angst heraus getroffen werden. Entscheidungen sollten getroffen werden, um etwas zu ermöglichen, nicht, um etwas zu verhindern.“ (Michael Kast, Schriftsteller)

Das ist doch mal was. Vor allem der zweite Satz: ermöglichen, nicht verhindern.

Also habe ich losgelassen. Vor drei Jahren habe ich einen Mann kennengelernt, den ich kurze Zeit später wegen meines jetzigen Partners verlassen habe. Beide waren parallel in mein Leben getreten.
Dieser andere Mann und ich hatten keine Beziehung, waren noch in den ersten sachten Anfängen, aber er hatte schon mein Herz berührt. Trotzdem bin ich gegangen. Der Kontakt ist geblieben. Sporadische Nachrichten, und kurze Wiedersehen ab und an. Immer dabei: das wärmende Gefühl in seiner Nähe wie eine große gemütliche Decke, unter die man schlüpfen kann und sich geborgen fühlt. Das hat mich nie losgelassen. Lange Zeit habe ich daher darüber nachgedacht, ob nicht er der „richtigere“ Mann für mich gewesen wäre. Mit meinem Partner war es lange Zeit ja sehr schwierig.

Aber: So sehr es mir schmeichelt, dass dieser andere Mann noch immer Interesse an uns signalisiert, so sehr bremst uns das auch. Er sollte weder mein „Hintertürchen“ sein, noch er länger auf meine Zusage warten, die ich nicht geben möchte. Denn das kommt dazu: Meine Zerrissenheit blockiert meine Beziehung zu meinem Partner. Ich möchte mich ihm/uns ganz zuwenden. Mich bewusst für meinen Partner entscheiden. Es klingt lapidar und wenig, dass ich nun „nur“ die Kontaktdaten des anderen Mannes aus meinem Telefon gelöscht habe, aber für mich ist das ein echter Schnitt. Wir können auch keine Freunde sein. Es fühlt sich gerade noch schrecklich an.

Andere Entscheidungen waren weniger schmerzhaft.
Ich las von „Energie-Vampiren“ und ihren typischen Eigenschaften: „… sie verwickeln dich in Konflikte, sind ‚arme Opfer‘, sind nicht kritikfähig, du machst dir zu viele Gedanken um sie (…)“ und vieles mehr. Ich ergänze: Sie kosten mich unnötig Zeit.

Eine Liste von Gründen, mich nun endlich von diversen Online-Selbsthilfegruppen zu lösen. Die zur Fastenbegleitung habe ich gleich nach dem Ende meiner Fastenzeit wieder verlassen. Danach die, die mich mit entzündungshemmender Ernährung neugierig gemacht hatte und die mit dem Zuckerverzicht… Andere werden noch folgen.

Verlassen habe ich auch eine der beiden Gruppen, die mich bisher auf meinem nüchternen Weg begleitet haben. Ich bin – irgendwie – herausgewachsen aus dieser Gemeinschaft. Ich empfand es für mich dort nur noch als zu viel Mimimi, zu viel Drama und zu viele Rückfall-Posts. Ein letzter Beitrag hat mich wirklich extrem genervt und aufgeregt, und das war DER Tropfen: Ich habe ohne zu zögern die Gruppe verlassen. Seitdem ich keine Beiträge mehr mitlesen kann, spare ich viel emotionale Energie und beschäftigt mich das Thema Alkohol noch weniger. Es ist einfach nicht mehr ständig präsent. Das ist unglaublich wie sehr das Unterbewusstsein doch getriggert wird und man erst in der Rückschau den Unterschied merkt.
Die andere Gruppe ist stiller und so angenehm unaufgeregt. Dort treffen sich Menschen, die bereits länger trocken sind. Andere Themen werden wichtiger als das ständige Gespräch über Alkohol, aber dennoch unterschätzt niemand die lauernde Sucht.

Das ist es wieder, das unglaubliche Gefühl von stiller Erleichterung, dass das Trinken nicht mehr meinen Tag bestimmt. Ein langes Wochenende liegt vor mir und ich bin klar und entscheidungsfreudig.

Habt eine gute Zeit,

Alles Liebe
Eliza